Motocross

Wir warten hier auf den ersten Regen. Seit zwei Monaten sind die Brunnen leer und die Erde ist staubtrocken. Der Harmattan weht von Norden Sand aus der Sahara herüber und bedeckt alles nach kurzer Zeit mit einer feinen roten Staubschicht. Eine Hose kann man kaum länger als zwei Tage anziehen, bevor der Hosenboden dreckig ist und sie gewaschen werden muss. In den letzten Tagen sind bereits ein paar kleinere Schauer angekommen. Die Natur bemüht sich. Sie holt tief Luft und bläst ihren Atem über den Boden, sodass die Palmen schwanken und die Bäume rauschen, sie lässt angedunkelte Wolken über den Himmel ziehen und manchmal hört man von oben ein dunkles Grollen, eine Vorahnung. Sie bereitet die Bühne vor für den ersten großen Regenguss, der den Sand in Matsch verwandeln wird und dem viele weitere folgen werden. Noch aber ist es nicht so weit.

Dieses Wochenende findet auf dem Mont Kloto ein Enduro-Rennen statt. Gestern bin ich gegen alle Gewohnheit vor neun aufgestanden und mit Elisa losgefahren, um uns das Rennen der Crossmotorräder anzusehen. Die Straße, die den Berg hinaufführt ist voller fantastischer Kurven, voller Schlaglöcher und voll von herrlichen Blicken, die man von oben auf Kpalimé und seine Umgebung erhaschen kann. Auf die Straße, die irgendwann in einen unbefestigten Weg überging, waren mit weißer Farbe Pfeile aufgemalt worden. Sie wiesen uns die Richtung. Nach einer halben Stunde trafen wir auf eine Frau und einen Mann, die unter einem Zelt standen und nach Wettkampf aussahen. Emanuelle aus Frankreich und Alan aus England stellten sich beide als Ghanaer vor, die in Accra leben. Sie halfen als Freiwillige bei dem Event und stoppen die Zeit der Teilnehmer.

Wenig später hörten wir tiefen Motorenlärm, der aus dem Wald kam und sich näherte. Die erste Maschine raste an uns vorbei und wirbelte einen Kubikmeter Saharasand auf. Kurz darauf kam die nächste. Wir waren die einzigen Zuschauer, zusammen mit einer Gruppe von Kindern und Erwachsenen, die aus dem nahegelegenen Dor heruntergekommen waren.

Die Sportler kamen aus Togo, Ghana, Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und noch anderen Ländern. Viele lebten seit einigen Jahren in Afrika, manche hatten den größten Teil ihrer Kindheit hier verbracht. Nach einer kurzen Erfrischung ging es für sie weiter, die nächste Etappe bewältigen. Vorne mit dabei war Emanuelles Sohn Robin. Wir unterhielten uns mit ihm in einem Gemisch aus Englisch und Französisch und er lud uns ein, am Abend doch mit der Gruppe Essen zu gehen.

In der Bar Makumba, dem wohl teuerste Restaurant Kpalimés trafen wir ihn Stunden später wieder. Lange habe ich nicht mehr so abwechslungsreich gegessen. Die Sportler und ihre Begleiter kannten sich untereinander gut und die Stimmung beim Essen war ausgelassen. Irgendwann wurden die Listen der heutigen Ergebnisse an eine Mauer gehängt. Zufällig war Robin auf dem ersten Platz. Es begannen die Fachgespräche. Elisa und ich blieben noch ein paar Minuten, verabschiedeten uns dann und fuhren weiter ins Centre, pokern.

Die Gruppe der Motorradfahrer muss so etwas wie die Motocrosselite Westafrikas gewesen sein. Menschen, die ihre Leidenschaft ihr Leben mitbestimmen lassen, die nicht wenig Geld haben, und damit hier in den besten Hotels wohnen können. Sie sehen in Afrika ihren Traum und können ihn ohne Probleme leben. Robin hat einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend in Afrika verbracht. Ich habe ihn nicht gefragt, was seine Muttersprache ist, denn er spricht gleichermaßen Englisch und Französisch.  Lange war seine Familie in Nigeria, wo auch die Mutter mit 43 das erste Mal Motorrad gefahren ist. Er selbst hat drei Jahre in Paris studiert und ist jetzt wieder hier. Mit 25 Jahren hat er schon viel von der Welt gesehen. Ein sehr interessanter Mann.

Es ist doch so weit. Nachdem die Natur Luft geholt hat und dem Himmel sein Licht und mir meinen Strom genommen hat, lassen die Wolken ihre schwere Last auf uns herabprasseln. Ich hatte vergessen, wie laut das auf dem Wellblechdach ist.

Alex hat heute Geburtstag. Nachher geht es für das Geburtstagsessen zum belgischen Restaurant. Und dann ist das Wochenende schon wieder vorbei.

Ich finde das genauso schade, wie ihr und wünsche euch in meiner tiefen Verbundenheit trotzdem einen guten Start in die Woche!

 

Herzliche Grüße

Euer Yann

Eine Prinzenrolle

Ich wache auf und bin in einer Mühle. Das rhythmische Rattern des Mahlwerkes muss mich geweckt haben. Ich höre Stimmen, die etwas rufen. Vielleicht singen sie auch. Die Trommeln der Mühle laufen ohne Unterlass und ich liege in meinem Bett und lausche dem Halleluja des Priesters, der seine Gemeinde anschreit.

Am Freitag habe ich erfahren, dass Wolfgang Herrndorf tot ist. Schon seit vier Jahren, aber ich wusste es nicht. Tschick habe ich nie gelesen, wollte es aber immer noch tun. Es ist mit Sicherheit eines der Bücher, mit denen ich mich nicht lange aufhalten würde, weil ich immer weiterlesen wollte. Bei Dussmann, dem großen Kulturkaufhaus in Berlin, lag es immer noch auf einem Tisch mit Neuerscheinungen und Bestsellern. Aber das der Autor dieses jugendlichen Roadmovie-Romans tot ist, das wusste ich nicht. Eine traurige Nachricht.

Ich bin früh aufgewacht. Als ich das erste Mal auf die Uhr schaue, ist es halb acht. Halb zugedeckt, überlege ich, ob ich aufstehen soll. Die Minuten zwischen dem Moment, in dem ich mich aufsetze und dem Moment, in dem ich mir das kühle Wasser aus dem Duscheimer über den Kopf gieße, scheue ich. In der Zeit bin ich der Welt noch mit müden Augen ausgeliefert, mehr in mir drin, als aus mir heraus. Den Weg zur Dusche habe ich glücklicherweise schon automatisiert. Ich hole eine frische Unterhose aus meinem Koffer, ziehe mir die kurze Hose mit dem Loch im Hosenboden über, lege mir mein großes Handtuch über die Schulter, steige in meine Latschen, greife nach meiner Waschtasche samt Zahnbürste und Shampoo, nehme den großen und den kleinen Eimer aus der Ecke im Vorzimmer, schließe die Tür auf, schließe sie wieder ab, stecke den Schlüssel in meine rechte Hosentasche, und gehe zum Wasserhahn, um den großen Eimer aufzufüllen. Dann trage ich alles zur Duschkabine, ziehe mich aus, und wasche mich. Danach bin ich im Tag angekommen.

Gestern habe ich gelesen, dass Deniz Yücel freigelassen wurde. Endlich kann er wieder bei seiner Frau sein. Hier in Togo hat das natürlich niemanden interessiert. Was ich beeindruckend finde, ist die Macht, mit der die deutschen Zeitungen es gemeinsam geschafft haben, ihn nie aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen. Wer die vierte Gewalt im Rücken hat, der wird nicht vergessen. Eine schöne Nachricht.

An diesem Sonntag habe ich nicht viel vor. Ich wollte mir auf dem Markt einen Teppich kaufen, aber auch hier haben viele Läden am Sonntag zu. Also bleibe ich den Vormittag zu Hause und schreibe. Um drei bin ich mit Dodji, Elisa und Tobi verabredet. Dodji ist ein befreundeter Togoer, mit dem wir uns oft am Sonntag treffen und einheimisches Kunsthandwerk lernen. Bis jetzt haben wir mit Motiven ein Stück Stoff gestaltet, das wir nur noch einfärben müssen. Vor zwei Wochen haben wir angefangen, eine Kalebasse zu gestalten. Kalebassen sind runde Flaschenkürbisse, deren getrocknete harte Schale für die verschiedensten Zwecke kunstvoll gestaltet wird. In der westafrikanischen Kunst sind sie weit verbreitet.

Einer meiner Freunde hat zurzeit Besuch aus Deutschland. Neben allen möglichen anderen Dingen, hat der eine Prinzenrolle mitgebracht. Ich habe auch einen Keks gegessen und es hat nach Heimat geschmeckt. Es ist wunderlich, was sich unser Bewusstsein aussucht, um Erinnerungen zu bewahren. Eine Prinzenrolle ist nach fünf Monaten für mich zu einem Stück Heimat geworden. Am letzten Tag meines Schülerpraktikums bei der taz in der neunten Klasse, habe ich eine Prinzenrolle gekauft. Direkt danach bin ich auf eine längere Fahrt gegangen. Ich habe vergessen wohin de Fahrt ging. Ich weiß nur noch, dass ich in der Drogerie in der Rudi-Dutschke-Straße für wenig Geld viel Inhalt haben wollte, und die Prinzenrolle sich dafür als ideal erwies. Sie war mein Mittagessen. Ein anderes Mal hat in der S-Bahn ein Mann um etwas zu Essen gebeten und eine Prinzenrolle bekommen. Prinzenrolle für mich ein bisschen Berlin.

Für Deniz Yücel müssen viele Erinnerungen mit dem Strauß Petersilie verbunden gewesen sein, den seine Frau ihm nach seiner Freilassung mitbrachte. Die Petersilie ist für sie zum Symbol ihrer Liebe geworden.

Unser Unterbewusstsein hat die Fähigkeit, Erinnerungen zu verklären, zu verzaubern. Es tut dasselbe, was ein Fotograf tut, wenn er einen bewusst gewählten Ausschnitt einer Szenerie in einem ganz bestimmten Licht einfängt. Diese Verzauberung, die so vielen Dingen in unserer Erinnerung widerfährt, ist Poesie. Ich erlebe das mit meinem Zuhause. Ganz vieles ist durch die räumliche und zeitliche Entfernung in meiner Erinnerung verzaubert worden. Nicht nur die Prinzenrolle. Mein Klavier zum Beispiel. Oder unser Garten. Viele viele Dinge und Menschen erscheinen mir von hier aus sehr wunderbar.

Man kann mit dieser Poesie ganze Bücher schreiben. Ich glaube, Tschick ist so ein Buch, auch, wenn ich es noch nicht gelesen habe. Diese Poesie ist auch der Grund, warum sich Menschen „Nostalgie“ auf den Arm tätowieren lassen. Als ob sie sie dadurch einfangen könnten.

Bei uns zuhause am Herd stehen, dabei Musik hören und kochen, ist eine Erinnerung, die wunderbar durch mein Bewusstsein schwebt. Wenn ich zurückkomme, wird die Realität sie einholen und sie keine Erinnerung mehr sein. Eines Tages könnte sie es jedoch wieder werden.

Während ich bei meiner Rückkehr in die Erinnerungslandschaft meines alten Lebens zurückkommen werde, werde ich ab diesem Moment beginnen, eine neue Landschaft in Togo zu erbauen. Ich weiß noch nicht, was haften bleiben wird. Vielleicht das morgendliche Duschritual. Vielleicht der erste Regen nach der Trockenzeit. Meine Zeit in Togo wird hell und unbeschwert in meinem Gedächtnis verbleiben.

In ein paar Jahren dann werde ich mit einer Prinzenrolle am Kamin sitzen und in Erinnerungen an die hellen Tage schwelgen.

Aber kann man so leben? Kann man in dem Bewusstsein leben, das die Gegenwart zukünftige Vergangenheit ist? Selbst wenn man dieses Bewusstsein besitzt, ist die Realität noch die Realität. Man kann ihre kommende Verzauberung nicht steuern. Unsere Erinnerung ist ein Geschenk Gottes, weil wir in ihre Zuflucht finden können. Zuflucht, wie man sie auch in einem Buch oder in Musik finden kann. In dieser Hinsicht sind wir alle Poeten.

 

Herzliche Grüße an euch alle.

Ich habe wunderbare Erinnerungen an euch alle.

Euer Yann

 

 

Hot Dogs

Die letzten Tage und Wochen geben nicht viel Erzählenswertes her, wie das mit dem Alltag so ist. Man erfreut sich an den kleinen Dingen und genießt das gute Wetter.

Heute Abend machen wir gemeinsam Hot Dogs im Centre. Vom Centre habe ich schon geschrieben. Es ist das Waisenheim, in dem Tobi, Marie und Emran wohnen und wo ich Weihnachten gefeiert habe. Ich bin regelmäßig hier, manchmal mehrmals in der Woche. Es ist ein fröhlicher Ort, voller Leben. 10 Kinder und Jugendliche leben hier unter der Obhut von Maman Therèse und sind sich gegenseitig ihre Familie. Dazu noch die Großmutter und ab und zu Perrel, der Gründer der dazugehörigen Organisation und mein Mentor, den ich bei Problemen immer ansprechen kann. Die Freiwilligen wohnen mittendrin und sind Teil der Familie. Auch ich habe mich an keinem Ort in Togo mehr willkommen gefühlt als hier.

Gerade haben Tobi und ich Sami, Frédé und Amivi mit meinem Haarschneider die Haare abrasiert. Keine leichte Aufgabe, denn das Ding kitzelt. Die drei gehören zu den jüngsten im Heim und sind zwischen sieben und neun. Entweder haben sie ihre Familie ganz verloren, oder das übriggebliebene Elternteil konnte sie nicht mehr ernähren. Trotzdem strotzen sie vor Lebensfreude, wie alle hier. Mit ihren kahlen Schädeln muss man jetzt vorsichtig sein, weil die gereizte Haut sich sonst schnell entzündet.

Hot Dogs macht man in Togo nicht so, wie sich Ingvar Kamprad – er ruhe in Frieden – sich das bei Ikea ausgedacht hat. Es ist viel spannender.

Fangen wir mit dem Brot an. In Togo gibt es nur Weißbrot, davon jedoch in rauen Mengen. Man kann zwischen gesüßtem und gesalzenem Brot wählen, anders als in Ghana, wo es nur süßes gibt. Wahrscheinlich ein Erbe der französischen Kolonialisten. Man kauft die Laibe bei den Verkäuferinnen und Verkäufern, die jede Straße mit ihren Ständen besiedeln. Sie lagern es dort in großen Kästen aus Holz, deren Seiten luftdurchlässig sind und zum Schutz gegen Insekten aus Gaze bestehen. Die gängigen Größen sind nach ihren Preisen benannt und reichen von 50 Franc bis zu 600 Franc, das dann die Form eines großen Toastbrotes hat. Teilweise sind die Laibe schon in durchsichtiges Plastik eingepackt, trotzdem bekommt man bei jedem Einkauf eine kleine schwarze Kunststofftüte zum Tragen dazu. Dass bezieht sich nicht nur auf Plastik, sondern auf jede Ware, ist sie noch so klein. Man könnte für 25 Franc, umgerechnet etwa 4 Cent, einen Keks kaufen und würde ihn in einer Tüte wegtragen, hätte man diese zuvor nicht entschieden abgelehnt.

Weiter geht es mit dem Inlay. Würstchen, wie sie in Hot Dogs gehören, findet man in allen Boutiquen, die Werbung für Tiefkühlprodukte machen. 8 Würstchen kosten etwa 1000 Franc, ähnlich wie in Deutschland. Fleisch findet man sonst auch auf dem Markt, wo es die Händler frisch und blutig mit ihren Macheten von den Knochen entfernen. Oder man geht noch einen Schritt zurück und kauft für 2000 Franc eines der Hühner, die unter andauerndem Protest über ihre Fußfesseln am Straßenrand auf ihr Schicksal warten. Von den Hunden, die die Kotokoli oben im Norden verspeisen, soll hier nicht die Rede sein.

Für die Vegetarier unter uns bereiten wir eine Art Gebäck aus gebratenen Bohnen vor. Die Bohnen hier sehen aus wie kleine Kidney Bohnen und sind in rot oder in weiß erhältlich – natürlich in Plastiktüten. Stunden vor der Mahlzeit werden sie in Wasser eingelegt, später dann mit viel Körperkraft zerstampft und mit Ei vermengt. Man formt den entstandenen Brei wie kleine Buletten und brät sie gründlich in Öl. Es ist eines der Rezepte, die ich auf jeden Fall mit nach Deutschland nehmen werde.

Verfeinert wird der Hot Dog mit gedünsteten Zwiebeln, die es günstig auf dem Mark zu kaufen gibt. Dazu streicht man Ketchup oder Mayonnaise aufs Brot. Für letztere habe ich, ähnlich wie für Bananen, meine Sympathie erst hier in Togo entdeckt. Salatblätter für die Frische sind möglich, müssen aber drei Mal gründlich abgespült und schließlich noch einmal in Salzwasser gewaschen werden.

Heute Abend werden sich über diese geniale Komposition 16 Leute freuen. Ihr könnt euch die Größenordnung vorstellen, in der wir einkaufen. Kochen werden wir selbst aber wenig, denn man lässt uns nicht. Nina, die älteste im Centre, die selbst schon ein Kind hat und Espoir sind nach Maman die Herrinnen der Küche und verteidigen diese Aufgabe beharrlich.

Normalerweise essen die Freiwilligen und die Heimbewohner getrennt und verschiedene Gerichte. Zum Teil hat das mit der Gewöhnung ihres Magens zu tun, zum Teil mit den anderen Geschmacksgewohnheiten und zum Teil ist es eine Sonderbehandlung der weißen Gäste, die normal ist und von niemandem in Frage gestellt wird. Die preiswertesten Lebensmittel sind Reis und Maismehl, aus dem der weiße Pâte hergestellt wird. Dementsprechend oft essen die Kinder das hier. Pâte ist aber nicht nur eins der günstigsten, sondern auch der beliebtesten Gerichte.

Ich hoffe, für die passionierten Köche und Köchinnen unter euch war dieser Text interessant. Ich habe jetzt Hunger und fange mit den Vorbereitungen an. Hochladen kann ich den Eintrag erst später, wenn ich schon gegessen habe. Wann auch immer ihr das hier lest: Guten Appetit!

 

Liebe Grüße

Euer Yann

Die Launen der Reichen

Wenn ihr, wie jetzt, lange nichts von mir gehört habt, dann habe ich einen Blogeintrag angefangen, habe auf der Hälfte innegehalten, war nicht zufrieden damit, habe mir vorgenommen, ihn ein anderes Mal zu überarbeiten, dann den Glauben an meinen Text verloren und mir Zeit mit der Entscheidung gelassen, lieber einen ganzen neuen Text anzufangen. Nicht sehr professionell, ich weiß, und ihr habt darunter zu leiden.

Dabei gab es in der letzten Zeit eine ganze Reihe von Augenblicken, die mich inspiriert haben, etwas zu schreiben. Einer davon war am Mittwoch, nach einem leckeren Mittagessen aus in Öl gegarten Bohnen mit Maniokmehl. Ich saß neben Francois vor dem Fernseher. Es lief eine Nachrichtensendung auf France24, in der eine transsexuelle Journalistin von ihrem Beruf sprach, und von ihrem Wunsch, gesellschaftlich respektiert zu werden. Francois gab einen Laut von sich, wie er ihn oft macht, wenn er sein Unverständnis gegenüber dem Geschehen in der Welt ausdrücken will. Während des verheerenden Anschlags in Ägypten im Oktober zum Beispiel, oder wenn zerstörte Stadtteile in Syrien gezeigt werden. Der Laut hört sich an, wie ein erschrockenes Schnappen nach Luft, ungläubig, empört, selbstsicher. Man könnte das Wort pute hineininterpretieren, ein verbreiteter französischer Fluch.

Am Mittwoch fragt er mich, ob ich verstehe, was die Frau gesagt habe. Weil ich mich nicht immer besonders gut ausdrücken kann, unterschätzt er oft, wie viel Französisch ich schon verstehe. Der Frau habe ich folgen können, und meine, es gehöre zur Freiheit jedes Individuums, sich einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen. Er stößt einen verächtlichen Laut aus, ähnlich dem beschriebenen und wiederholt: „liberté de l’inidvidu“. Er nennt so etwas libertinages – Ausschweifungen, sagt er. Wir kommen auf Homosexualität zu sprechen. Homosexualität ist eine Mode, sagt er. Einer fängt damit an, andere machen es nach und fordern ein, dass es rechtlich anerkannt wird. Ich versuche erst gar nicht, dass zu dementieren, sondern werfe ein, dass doch niemand darunter zu leiden habe. Doch, die Kinder, die von homosexuellen Paaren adoptiert werden, sagt er. Dann kommen wir zur Ehe. Jeder Mensch in einer Demokratie sollte das Recht haben, seinen Partner selbst zu wählen, finde ich. Demokratie existiert nicht, sagt er, das ist ein Schein. Der Beruf der Politiker ist es, zu lügen. Er schlägt einen großen Bogen und spricht von Neokolonialismus, davon, dass Macron und Merkel von Menschenrechten reden und gleichzeitig den Reichtum ihrer Länder durch die wirtschaftliche Unterdrückung Afrikas aufrechterhalten. Dass der CFA-Franc eine Währung ohne Perspektive ist, dass diejenigen Politiker aber, die aussteigen wollen, umgebracht werden. Dass Terroristen aus Europa in Länder mit großem Rohstoffvorkommen gesandt werden, damit ausbeuterische Handelsverträge im Tausch gegen militärischen Schutz ausgehandelt werden können. Dass Politiker nichts ändern, sondern nur die Blase des europäischen und amerikanischen Reichtums aufrechtzuerhalten streben. Ich bin noch jung sagt er, wenn ich zu argumentieren versuche, irgendwann werde ich das alles auch erkennen. Sein Gedankengang schließt sich, indem er Homosexualität als Launen einer Gesellschaft ansieht, die alles hat, und sich aus Überdruss nun etwas ausdenkt, wofür man noch kämpfen kann. Damit es nicht langweilig wird.

Ab einem bestimmten Punkt habe ich nichts mehr gesagt. Im Punkt Homosexualität habe ich weiter gegengehalten, aber mit dem Neokolonialismus hat er Recht. Die Köpfe der global führenden Wirtschaftsmächte können nicht von Menschenrechten reden, während sie gleichzeitig alles tun, um ein Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten, dass für die Hälfte der Menschheit ein Leben in Armut vorsieht. Sie müssen zwei Gesichter besitzen. Ich habe sehr wenig Wissen über die globalen Zusammenhänge. Das Wenige, das ich weiß, genügt aber, um zu erkennen, dass der globale Norden Urheber der anhaltenden globalen Ungleichverteilung ist. Wir profitieren von der Armut des Südens.

Das Gespräch hat mich aufgewühlt. Was mich wütend macht, ist, dass ich mich und die Werte, mit denen ich aufgewachsen bin, nicht verteidigen kann. Über das Wort „Werte“ lacht Francois. Er hat Recht, aus seiner Perspektive betrachtet ist unser Hochhalten der Menschenwürde Heuchelei. Ich kann ihm nicht verübeln, dass er behauptet, das Gerede von Menschenrechten sei ein bloßer Schein, der dazu dient, dass wir unseren Reichtum mit gutem Gewissen genießen können. Ganz gerne würde ich die Verantwortlichen dafür anschreien. Aber Merkel kann ich nicht anschreien, weil ich selbst dank Deutschlands Wirtschaftskraft ein gutes Leben führe. Ich weiß nicht einmal, ob sie der richtige Anschreipartner wäre.

Ich kann jetzt also nach Deutschland zurückgehen, und Gras über die Sache wachsen lassen, wie man das so macht. Das werde ich wohl auch. Dann Literatur studieren, mich in Formulierungen von Kafka verlieren, während irgendwo ein Kind verhungert, das man sogar mit dem Preis meiner billigen Reclam-Ausgabe von „Der Prozess“ zwei Wochen hätte ernähren können, was man aber nicht in direkten Vergleich setzen, sondern nur als Symptom für die globale Ungleichheit sehen kann, der ich als Individuum mit Literaturstudium machtlos gegenüberstehe, weil mir das Wissen fehlt, um die krassen systemischen Veränderungen zu verstehen, die notwendig wären, um etwas zu verändern, die ich aber sowieso nicht in der Lage wäre einzuleiten. Lächerlich exemplarisch für die Komplexität der Zusammenhänge möge dieser Schachtelsatz stehen.

Oder ich gehe mit der Überzeugung aus diesem Jahr, dass man kleine Dinge verändern kann, vielleicht mit einer Mitgliedschaft bei Amnesty International, durch Spenden, dadurch, dass ich vielleicht doch Journalist werde, und endlich Francois‘ Theorien auseinandernehme und sinnvoll wieder zusammensetze.

Manchmal denke ich wirklich, dass selig nur Unwissende sind. Aber sie verändern nichts. Sobald wir unser Denken um die globale Komponente erweitern, sobald wir uns als Bürger dieser Welt und alle Menschen als unsere Brüder und Schwestern begreifen, bekommen Begriffe wie „Gerechtigkeit“ und „Nächstenliebe“ eine Ambivalenz, die nicht leicht zu ertragen ist. Ein guter Mensch ist nicht mehr das, was er einmal war, nicht im Zeitalter der digitalisierten Globalisierung.

Vielleicht übertreibe ich auch. Dieser Eintrag ist mehr ein Gedankenstrom, als ein wohl überlegter Text. Lasst euch davon nicht verunsichern, Verunsicherung ist kein schönes Gefühl.

Herzliche Grüße an euch alle

Euer Yann

 

Endlich ein paar Fotos von der Reise

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im Trotro nach Accra


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Die Autos hier sind weniger verbeult als in Togo…


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In Accra: Der Independence Arch vor dem Golf von Guinea. Ghana wurde im Jahr 1957 unabhängig vom britischen Empire.


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Und wir vor dem Independence Arch vor dem Golf von Guinea


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In Deutschland bin ich nur ein einziges Mal bei KFC gewesen – wer hätte gedacht, dass das zweite Mal Westafrika sein sollte…


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Elmina Castle, die erste von Europäern errichtete Festung an der Küste Schwarzafrikas. Die Portugiesen erbauten sie 1482.


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Elmina selbst ist ein kleiner Ort in der Nähe von Cape Coast, von dem aus vor allem Fischer ihre Netze auswerfen.


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Dreißig Meter über dem Boden fühle ich mich erstaunlich sicher. Bestimmt ist der Kakum-Nationalpark TÜV-geprüft

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Die Boti Falls in der Nähe von Koforidua: Für mich einer der schönsten Ausflüge der Reise


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Zwischenseminar unter Palmen


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Fiktive Büsten aus Gips im ehemaligen Verlies von Cape Coast Castle. Sie sollen an die Hunderte von Menschen erinnern, die damals die Door Of No Return durchschritten haben oder nicht einmal den Aufenthalt im Kerker überlebt haben.


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Und schließlich mein neuer Nachbar, der mich in Kpalimé erwartete. Mittlerweile ist er wieder verschwunden…


Liebe Grüße an euch alle!

Home Sweet Home

Es ist eine Grille in meinem Zimmer. Ich kann sie nicht sehen, sie versteckt sich irgendwo in der Decke zwischen der dünnen Holverkleidung und dem Wellblech. Eben noch hat sie mit ihrem aufdringlichen Zirpen den Raum in Unruhe versetzt, aber seit ich ihr gesagt habe, sie solle still sein, schweigt sie.

Ich bin seit Samstag zurück in Kpalimé. Nachdem ich die letzte Woche am Meer auf dem Zwischenseminar für uns Freiwillige verbracht habe, habe ich noch eine Nacht bei Freddy und Robin geschlafen, die mit mir auf dem Seminar waren. Zusammen mit einer weiteren Freiwilligen wohnen sie in Ho, einer Stadt nahe der Grenze zu Togo. Robin sitzt im Rollstuhl, für ihn ist die Herausforderung für ein Jahr in dieses fremde westafrikanische Land zu gehen eine besondere. Nach einigen Monaten dort scheint er diesen Entschluss nicht bereut zu haben.

Zögernd gibt die Grille ein paar zaghafte Geräusche von sich. Noch hält sie sich zurück; es klingt wie mein Motorrad, als ich nach drei Wochen das erste Mal damit gefahren bin.

Es fühlte sich wie Heimkehr an, mit dem Trotro in Kpalimé einzufahren. Die Vertrautheit der Straßen empfing mich mit einer Wärme, mit der ich nicht gerechnet hatte. Im neuen Jahr hatte sich nicht viel verändert, nur meine Sicht auf den Ort war nicht länger die Sicht auf eine fremde Stadt.

Die Grille stimmt mir ausdauernd zu, dabei ist sie nie aus Kpalimé herausgekommen. Ein kurzer Schlag an die Decke lässt sie verstummen.

Von meiner Ghanareise bleiben mir die Erinnerungen an freischwebende Tage, durch die man mit einem Heißluftballon fahren könnte, und wenn man winken würde, würde jeder zurückwinken. Freischwebend wie der riesige Umbrella Rock bei Koforidua, der nur auf ein paar Quadratdezimetern die Erde berührt und den man trotzdem erklettern und oben die Aussicht genießen kann. Am 6. Januar, Elisas Geburtstag, sind wir dorthin gewandert. Die nahegelegen Boti Falls waren die ersten Wasserfälle mit Sandstrand, die ich gesehen habe. Der Rückweg von dort ins Hotel dauerte lange, weil wir eine Zeit lang kein Trotro fanden, dass uns hätte mitnehmen können. Wir liefen die Landstraße entlang, auf der sich Menschenleere und kleine Dörfer abwechselten und genossen den Frieden des Augenblicks, den die Sonne in ruhiges Licht tauchte. Ich winkte dem vorbeischwebenden Ballon meiner Erinnerung.

Sie gibt nicht auf, doch auch ich mich nicht geschlagen. Sie wartet nur kurz ab, dann beginnt sie von Neuem mit ihrem Konzert.

Die Tage des Seminars hatten mehr Gewicht. Wir waren 24 Freiwillige, davon alle außer mir aus Ghana. In den fünf Tagen haben wir uns vor allem über unsere Erfahrungen in den jeweiligen Städten und Einsatzstellen ausgetauscht und uns mit dem Thema Postkolonialismus beschäftigt. Der gewichtigste Tag war der Mittwoch an dem wir das Cape Coast Castle besuchten. Das 1637 von den niederländischen Kolonialisten erbaute Fort diente unter den Briten zwei Jahrhunderte lang als Gefängnis für Sklaven. Bis zu eintausend unter unbeschreiblichen Bedingungen eingepferchte Menschen warteten teils Monate darauf, die Door Of No Return zu durchschreiten und schließlich nach Nord- oder Südamerika verschifft zu werden. Wir gingen durch die Räume, in denen sie in ihren Exkrementen gelebt haben und ohne den Schein der Sonne langsam erblindet sind. Auf dem Boden standen Köpfe aus weißem Gips, die ein Künstler geformt und im Gedenken an die vergessenen Gesichter dort aufgestellt hatte. Das Museum des Castles steuerte dem Gesehenen die erschreckenden Zahlen bei.

Der Besuch erinnerte mich an die Besichtigung eines Konzentrationslagers. Die Gesichter in den Räumen hatten für mich etwas Anklagendes. Die Menschen dort waren vor Jahrhunderten in ihrem Leiden allein gelassen worden, ohne jede Hoffnung auf Rettung. Ich hatte das Gefühl, ich könnte mich nie genug in ihre Lage einfühlen, nie genug Ehrfurcht vor ihrem Leiden empfinden, um daran etwas zu ändern. Die Dauer der Führung habe ich darüber nachgedacht, wie ich eine gute Einstellung zu den Verbrechen des Sklavenhandels von damals einnehmen könnte. Ich habe für mich erkannt, dass es nicht darum geht, sich persönlich in die Lage der Sklaven einzufühlen, um die Schuld unseres guten Lebens widergutzumachen. Sie waren damals allein und sind allein gestorben, bevor wir auf die Welt kamen. Daran können wir nichts mehr ändern. Dass wir als Nachfahren der ehemaligen Kolonialmächte geboren sind, bedeutet nicht eine Schuld, die wir sühnen müssen, sondern eine Verantwortung dafür, dass wir gemeinsam aus der Geschichte lernen. Dazu gehört die Abrechnung mit allem, was an kolonialen Denkweisen in unserem Bewusstsein noch verankert ist.

Die Grille gibt mir Recht. Ich nicke ihr zu, wir verstehen uns. Sie hat ihre klare Existenzberechtigung, das sehe ich ein. Wir müssen koexistieren.

Erlebnisse wie diese regen mich zum Nachdenken an. Als entwicklungspolitische Freiwillige sind wir gewissermaßen Teil der Erinnerungskultur des Kolonialismus. Postkoloniale Kontinuitäten sind ein unglaublich wichtiges Thema, spricht man vom Eine-Welt-Gedanken, vom Global Citizen und von der Menschheit als einer großen Familie. Es verwundert mich, dass ich bis zu meinem Freiwilligendienst wenig damit in Berührung gekommen bin. Ich habe mir vorgenommen, mich weiter damit zu beschäftigen, jetzt, wo ich schon einmal hier vor Ort in einem „Entwicklungsland“ bin. Ich halte euch darüber auf dem Laufenden!

Liebe Grüße an euch alle!

Euer Yann  

P.S. Meine Internetverbindung erlaubt mir zur Zeit nicht, Fotos hochzuladen. Ich muss euch auf meinen nächsten Besuch im Internetcafé vertrösten.

Happy New Year

So, das letzte dreckige Geschirr aus dem alten Jahr ist abgespült, jetzt kann ich schreiben. Wir sind auf der Mitte unserer Ghanareise, die 2017 und 2018 verbindet. Wenn ich nach einer Reise gebeten werde, davon zu erzählen, erzähle ich nicht gut. Meistens berichte ich weder chronologisch, noch den Höhepunkten zugewandt, sondern zu willkürlich als dass es wirklich interessant wäre zuzuhören. Beim Schreiben kriege ich es hoffentlich besser hin.

Gestern, letztes Jahr, habe ich meine erste Zigarette geraucht. Dann noch zwei und seitdem nicht mehr und nie wieder. Rauchen ist in Togo und Ghana gesellschaftlich nicht angesehen. Würde man sich in Accra auf dem Markt eine Zigarette anzünden, würde man riskieren, sofort darauf angesprochen zu werden.

Der Markt in Accra ist ähnlich laut und eng wie der in Lomé, doch spricht man hier Englisch. Zum Verhandeln ist das besser, weil die Zahlen nicht so kompliziert sind. Ich landete in einer Straße, die fast ausschließlich aus Musikgeschäften bestand. Es gab größere und kleinere, doch die meisten mit dem gleichen Sortiment. Ich brauchte gut eine Stunde, bis ich einen einzelnen Stimmwirbel für eine akustische Gitarre fand, den ich bezahlen wollte. In Kpalimé gibt es eine Gitarre, bei der dieser Wirbel fehlt. Ein Set aus drei Wirbeln wurde mir für 80 Cedi angeboten, 16 Euro. Ich sagte, das sei mir zu teuer und wollte gehen. „Wie viel kannst du zahlen?“, fragte der Verkäufer. Meinen Preis wollte er nicht akzeptieren.

Kaufen in Ghana wie in Togo passiert durch Verhandeln. Weiße werden abgezockt. Viele Verkäufer sind ehrlich und verhandeln ehrlich. Andere setzen ihren Preis so hoch an, dass ein Drittel davon immer noch das Fünffache von dem ist, was Einheimische bezahlen. Wenn man den Wert einer Ware nicht kennt und schlecht einschätzen kann, geschieht es schnell, dass man deutlich zu viel bezahlt.

Die Einstellung der Menschen ist, dass alle Weißen viel Geld haben. Seit vorgestern sind wir in Cape Coast, an der Küste Ghanas. An Silvester haben wir in Gruppen eingekauft: Getränke und Zutaten für Vor-, Haupt- und Nachspeise des Abends. Einmal im Jahr 2017 haben wir nicht gespart. Auf dem Weg zum Supermarkt sprach mich auf der Straße ein Junge an. Er machte eine Geste, bei der er die Hand zum Mund bewegt.

„Give me money for something to eat.“

„Why do you ask me?“

„Something to eat!“

„Why do you ask me? There are many people on the street, why me?“

„You have money, you are white!“

Er hatte Recht. Ich hätte ihm die 80 Cent für zwei Fleischspieße problemlos geben können. Mittlerweile mache ich das aber nicht mehr. Hätte ich dem Jungen Geld gegeben, dann hätte das sein Bild der reichen Weißen bekräftigt. In der Konsequenz darf man niemanden Geld geben, ohne sich gut zu überlegen, in welche Stereotypen oder Mechanismen man damit hineinspielt. Eine gute Tat ist keine gute Tat mehr.

Vor wenigen Tagen stand ich mit meinem schweren Wanderrucksack an der Straße und habe auf Tobi und Emran gewartet. Das war im touristischen Strandort Kokrobite. Sie wollten zu mir kommen, damit wir dann weiter nach Cape Coast fahren könnten. Ich kaufte mir für 20 Cent ein Eis. Eine Frau neben mir fragt, ob ich ihr auch eins kaufen könne. Ich war unter Zeitdruck, und dachte „Warum nicht?“, also habe ich dem Verkäufer schnell noch einen Cedi in die Hand gedrückt. Sofort habe ich es bereut, denn was ich getan hatte, war nicht nett, sondern nur ein falsches Signal.

Emran saß vorn in einem Trotro und winkte mir zu. Der kleine Bus mit seinen 12 Plätzen hielt an und in Windeseile nahm mir der Assistent des Fahrers meinen Rucksack ab, schob mich auf meinen Platz und gab ihn mir zurück. Dann ging es weiter. Trotros sind wie S-Bahnen. Sie fahren immer und der Fahrtpreis ist immer gleich. Trotros sind wie Taxis. Man winkt sie vom Straßenbahn heran und sie stehen im Stau. Trotros sind wie Reisebusse. Sie sind eng und man reist mit vielen anderen zusammen. Trotros sind wie die Deutsche Bahn. Sie sind ganz oft nicht klimatisiert. Trotrofahren ist wie Trampen. Man bezahlt fast gar nichts. Es gibt einen Fahrer und seinen Assistenten. Der Assistent ruft monoton und undeutlich die Endstation in die Welt. Kommt jemand heran, der in diese Richtung will, wird er in Windeseile in den Bus bugsiert. Trotrofahrten können sehr lang werden, aber langweilig waren sie für mich noch nie.

Schon gar nicht meine erste Fahrt zur ghanaischen Grenze. Ganz früh morgens hoffte ich am zweiten Weihnachtsfeiertag, dass mich die Beamten mit meinem abgelaufenen Visum für Togo die Grenze passieren lassen würden. Mein Visum für Ghana war gültig und ich hatte den Beleg dabei, dass ich meine Aufenthaltsgenehmigung bereits beantragt hatte. „Entweder du gehst zurück und holst dir ein gültiges Visum“, hieß es dann, „oder du verhandelst gut mit uns.“ Ich schlug 10.000 vor, er sagte 20.000. Ich musste ihm die dreißig Euro geben. Jeder deutsche Grenzbeamte wäre kulant gewesen. Der togoische Mann in Uniform aber wusste, dass er mich in der Hand hatte und Geld an mir verdienen konnte. Ich lasse an dieser Stelle meine Schimpftirade über die korrupte Intention so vieler der Rädchen in Togos Staatsapparat aus, die der Bevölkerung jegliches Vertrauen in den Staat nehmen. Genauso wie die Wahlen nicht demokratisch sind, ist die Polizei nicht Freund und Helfer, sind die Grenzbeamten nicht Hüter der Grenze und ist die Verwaltung nicht auf das Wohl der Menschen ausgerichtet. Das Volk ist nicht Herrscher über sich selbst, es wird nicht von der Polizei beschützt, die Bürokratie legt ihm nur Steine in den Weg und korrupte Beamte beuten es aus. Das ist die Normalität in Togo, von der die Menschen sich lieber abwenden. Nach meinem Erlebnis kann ich die wütende Ohnmacht, die dadurch entsteht, nachvollziehen.

Der Ohnmacht über meinen Körper beuge ich mich heute in einer Erkältung und schließe erst einmal meinen sprunghaften Bericht.

Allen, die das hier lesen, wünsche ich von Herzen ein frohes neues Jahr voller glücklicher Momente, schönem Wetter, wenig Belanglosem, Zielstrebigkeit und Vertrauen in unsere Behörden! Happy New Year from Ghana!