Deutschland

Sechs Stunden dauerte der Flug von Lomé nach Paris. Im Flieger saßen vor allem Schwarze und das Essen, das um Mitternacht gereicht wurde, erschien mir mehr afrikanisch als europäisch. In Paris stieg ich um in die Maschine nach Berlin. Die Menschen sprachen ein schnelles Französisch, das man nur mit Mühe verstehen konnte. Auf dem Weg zum Boarding ging ich noch auf die Toilette. Alles war hell erleuchtet und das Porzellan der Waschbecken und der Toilette erstrahlte in sauberem Weiß. Zwei Stunden später, um kurz vor zehn mitteleuropäische Zeit, kam ich in Deutschland an. Ich kam ins Paradies.
Die Familie, bei der ich wohnen sollte, holte mich am Flughafen ab. Sie hatten ein Schild gemalt, darauf stand groß: „YANN“ und darunter „Bon arrivée!“. Die Sonne schien, aber die Luft war angenehm frisch. Ich begrüßte sie alle und sie führten mich zu einem großen, silbernen Auto, das recht neu aussah. Ich durfte vorne sitzen. Ellen, die Mutter der Familie, steuerte das Auto und ich bewunderte sie dafür, wie sanft sie den Wagen lenkte, obwohl wir laut dem Tacho beinahe hundert fuhren. Der Tacho funktionierte! Die breite Straße mit mehreren Spuren führte an einem Wald vorbei, mit Bäumen die es in Togo nicht gab. Alles war grün, aber nicht wild, sondern freundlich und gepflegt.
Auf dem Weg nach Hause hielten wir beim Bäcker. Die junge Frau hinter dem Tresen grüßte uns freundlich, aber von den anderen Kunden beachtete uns niemand. Ich durfte mir etwas aussuchen und Ellen bezahlte. Im Kopf rechnete ich die Preise in CFA um, aber ich war nicht sicher, ob meine Rechnung stimmte. Die Preise waren viel zu hoch. Auf dem Parkplatz kam uns noch der Bürgermeister des Ortes entgegen. Er sah aus wie alle anderen Menschen, trug nicht einmal einen Anzug. Wie alle anderen Leute mied er den Blickkontakt.
Das Haus, in dem ich mit der Familie wohnen sollte, war riesig. Es hatte drei Stockwerke, und zwei Badezimmer mit Toilette und Dusche. Aus dem Wasserhahn kam heißes Wasser! Überall waren Fenster aus Glas, in einem Raum sogar an der Decke. Es standen bestimmt vier Computer herum. In der Küche gab es einen Kühlschrank, den Ellen mir zeigte Er war ganz voller Essen. In Schubladen darunter, die noch kälter waren als der Kühlschrank, gab es Unmengen tiefgekühlte Sachen und sogar drei Packungen Milcheis. In der Küche stand auch ein großer Kasten, den Ellen als Herd bezeichnete. Oben drauf waren fünf Flammen in verschiedenen Größen, auf die man die fünf Töpfe auf einmal stellen kann. Fünf Flammen! In dem Fach darunter kann man Sachen backen. Dabei ist Ellen gar keine Bäckerin.
Auf dem Tisch stand schon das Frühstück bereit. Und was für ein Frühstück! Es gab Brötchen in rauen Mengen, verschiedene Marmeladen, Schinken, Käse, Rindermilch, Orangensaft und kleine rote Früchte, die toll schmeckten und „Erdbeeren“ heißen. Es blieben sogar noch Brötchen übrig und viel von der Marmelade und dem Käse. Das wurde einfach wieder in den Kühlschrank gestellt für den nächsten Tag. Ich glaube, die Deutschen essen sehr viel.
Ich will von meinem ersten Tag nicht zu viel erzählen, obwohl das Leben hier so anders ist. Und alles ist so sauber. Für den Müll gibt es extra Eimer im Haus. Und man muss aufpassen, wo man was reintut. Ich habe noch nicht verstanden, warum, aber Plastik kommt nicht in denselben Eimer wie Obstschalen und Papier ist nochmal woanders.
Am Abend wartete ich darauf, dass der Fernseher angemacht würde. Aber nicht nur das blieb aus, es wurde auch nicht dunkel. Um sieben sah man immer noch die Sonne und auch um acht war es noch hell. Erst kurz vor zehn brach die Dämmerung herein. Aber selbst jetzt war es draußen immer noch nicht ganz dunkel. Das liegt auch daran, dass an der Straße überall Laternen stehen. Dafür wurde es aber richtig kalt. Ellen zeigte mir mein Bett. Die Bettdecke war richtig schwer und die Matratze wunderbar weich. Ich schlief sehr schnell ein.

Ich kann nur versuchen und kein Deutscher wäre wohl jemals in der Lage, die Eindrücke zu beschreiben, die ein junger Mensch bei seinem ersten Besuch in Deutschland gewinnen würde. Viele Sätze treffen aber durchaus auch auf mich zu. Was geht über eine warme Dusche?! Seit zwei Wochen bin ich jetzt zurück in Kleinmachnow. Am schönsten war das Wiedersehen mit der Familie. Das viele gute Essen hat den Nachteil, dass es im Überfluss da ist und mein Hunger natürlicherweise begrenzt ist. Das hätte ich mir in Togo gar nicht vorstellen können.
Abgesehen davon, war es fast erschreckend, wie reibungslos ich wieder in den deutschen Alltag hineingerutscht bin. In beiden Ländern, in Togo wie in Deutschland, kann man von dem anderen nur träumen. Es ist unglaublich, wie wenig Berührungspunkte es zwischen den beiden Welten gibt und wie schnell die Gegenwart dort für mich zur fernen Erinnerung wird.
Kurz noch zu dem Grund für meine verfrühte Rückkehr: Ursprünglich waren zwölf Monate Freiwilligendienst vorgesehen, daher ja der Name dieses Blogs. Letztendlich jedoch waren es genau acht. Ich war mit der Situation in meinem Projekt nicht zufrieden. Ich war nach Togo gegangen, um zu arbeiten, um als Unterstützung da zu sein, um etwas zu tun. Aber über die acht Monate hatte ich so wenig Möglichkeiten, das umzusetzen, dass mich schließlich das Gefühl nicht mehr losgelassen hat, ich könnte meine Zeit sinnvoller verbringen. Es war nicht die Einschätzung meiner Effektivität, nicht das Wissen darum, das ich Zeit verschwenden würde, sondern die Empfindung, dass ich etwas tun wollte und hier nicht länger der richtige Ort dafür sei.
So bin ich fröhlich gegangen, auch wenn ich nicht ohne Trauer Abschied genommen habe. Es blieb das Versprechen an mich, nach meinem Studium zurückzukehren und all die Menschen wiederzusehen, denen ich nahegekommen war und die ich liebgewonnen habe. Das Versprechen steht und mein Versprechen euch gegenüber hat mich zu diesem vorerst letzten Blogeintrag gedrängt.
Danke, dass so viele von euch so treu gelesen haben und Danke für die vielen Ermunterungen und Nachrichten. Sie haben mich beim Schreiben enorm angespornt.
Ich kann nur sagen: Ich hoffe, es hat euch gefallen! Mir hat es gefallen.

P.S. Den Hut hatte ich leider in Togo vergessen. Zum Glück hat Elisa, die seit einer Woche auch zurück ist, ihn mir mitgebracht. Dieu Merci, würde man in Togo sagen.


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Abschied im Centre, meinem zweiten Zuhause in Kpalimé


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Meine Gastfamilie vor der Abfahrt. Francois war auf Reisen in Nigeria, von ihm hatte ich mich schon am Vortag verabschiedet. IMG-20180520-WA0009

Das letzte Mal beim Belgier. Sogar Rika und Fabi aus Sokodé waren noch dabei. Den Linsenburger werde ich vermissen. 

Unabhängigkeit

Ein wunderschöner Regen fällt sanft auf das Dach, nimmt den Rhythmus meiner Weckermelodie an und trommelt mich aus dem Schlaf. Solange es regnet, kann ich nicht duschen, denke ich und bleibe liegen. Bald werden die Tropfen auf dem Dach weniger und schließlich habe ich keinen Grund mehr, nicht aufzustehen. Ich gehe duschen. Den Himmel bedeckt ein grauer Wolkenteppich. Es ist kühl, aber ich friere nicht, auch nicht, als ich mir Wasser aus dem Duscheimer über den Kopf gieße. Ich bin dem Wetter dankbar dafür, dass es heute so deutsch ist. Ausnahmsweise ist es an mir, ihm seine Kraftlosigkeit zu verzeihen. An all den Tagen, an denen die Sonne mit ihrer ganzen Energie und ohne jede bescheidene Zurückhaltung herunterbrennt, bin ich der Demütige. „Warum willst du dich beschweren? Was willst du mehr von mir verlangen?“ ruft es mir dann zu und ich muss es um Verzeihung bitten, dass ich seiner unbändigen Freude nicht gleichkommen kann, weil mein Kreislauf es nicht erlaubt. Dass ich mich mittags in meinem Zimmer ausruhe, obwohl es doch draußen so schön ist. Doch heute bin ich es, der ihm verzeiht, der mit einem milden Lächeln die grauen Wolken grüßt und sie nicht auslacht dafür, dass sie einen Tag mit Weinen begonnen haben, anstatt mit ihrer immerwährenden guten Laune.

Nach drei Wochen Funkstille, beginne ich einen neuen Eintrag mit 200 Wörtern über das Wetter. Man könnte meinen, ich hätte nichts zu erzählen. Welche Unwahrheit! Es gibt sie nicht mehr, diese Tage, an denen ich nichts zu tun hätte und von denen es nichts zu erzählen gibt. Wenn es nichts Geplantes ist, fülle ich sie mit Dingen auf, die noch zu tun sind. Ich verbringe viel Zeit mit meinen deutschen Freunden. Beinahe jeden Abend sehen wir uns. Sie werde ich am meisten vermissen, wenn ich zurück in Deutschland bin.

Elisa, meine Gastschwester, fragte mich letzte Woche: „Wann hat Deutschland seinen Unabhängigkeitstag?“ Sie war erstaunt, dass wir keinen haben, schließlich hat doch auch jedes Kind einen Geburtstag. Der jour de l’indépendance von Togo war am vergangenen Freitag. Im Stadtzentrum wurden auf beiden Seiten der Hauptstraße große Zelte aufgebaut. Jeanette und ich gingen früh los, um einen Sitzplatz abzubekommen, Francois blieb zu Hause. Zwei Kommentatoren umrissen die Geschichte Togos seit seiner Unabhängigkeit. Der eine von ihnen hatte ein erstaunliches Gedächtnis, und kramte daraus die Biografie jedes einzelnen der Präsidenten samt Mutter und Vater hervor, ohne sich ins Wort reden zu lassen. Dem anderen, der immerhin ein Gespür dafür hatte, dass die Leute der Geburtsort des zweiten Präsidenten, der nur drei Tage im Amt war, nicht unbedingt so brennend interessierte, gelang es nicht, ihn zu stoppen. Worauf alle warteten, waren die festlichen Märsche der Schüler und der anderen angemeldeten Gruppen. Polizei und Militär machten den Anfang, gefolgt von anderen Offiziellen. Wunderschön, riefen die Kommentatoren, und die Zuschauer drängten sich zusammen, um besser zu sehen. Es folgten die Schüler in ihren Uniformen. Eine ganze Woche hatten sie in den Schulen geübt und nur die besten waren ausgewählt worden. Eine Stunde ergoss sich ein marschierender Strom von Jungen und Mädchen in die Straße, die ihre Arme und Beine im Takt der ausdauernden Blaskapelle in die Luft streckten. Dann kamen die verschiedenen Vereine der Stadt und unzählige Berufsgruppen. Schneider, Friseure, Handwerker, Taxifahrer, Eisverkäufer, Frauenverbände, Maler, Inlineskater, jeder konnte sich anmelden. Irgendwann wurde nicht mehr marschiert, sondern die Gruppen überboten sich in kleinen Kunststücken und Choreografien. Die Zuschauer feierten sie alle. Die Stimmung auf der Straße war ausgelassen, es war wirklich so, wie das Wesen des Wortes Feiertag es verspricht.
Einige Togoer aber kamen nicht. Sie sagten, dass Togo noch immer keine wirkliche Unabhängigkeit von Frankreich erreicht hat. So düster diese Ansicht 58 Jahre nach der Ausrufung des eigenständigen Staates Togo ist, so wahr ist sie wahrscheinlich.

Die Festtagsstimmung, die am Freitag in der ganzen Stadt herrschte, wurde noch übertroffen von der, die am Dienstag die Menschen auf die Straßen lockte. Der 1. Mai wurde größer gefeiert als Weihnachten, als Neujahr, als jeder andere Tage, den ich bisher hier erlebt habe. Am Abend schien kein Mann und keine Frau mehr in seiner Wohnung zu sein und kaum jemand hatte nichts getrunken. Dodji, ein togoischer Freund aus den Anfangszeiten lud mich ein, mit sich und seinen Kollegen aus der Druckerei zu feiern. Ich ging hin, trank ein Bier, hörte ihre Reden an, hatte Spaß und versicherte Dodji, ich würde ihn auch vermissen, wenn ich zurückginge. Das werde ich auch.

Am Wochenende, also zwischen den beiden Feiern, waren Robin und Freddy zu Besuch, die ich auf meinem Zwischenseminar in Ghana kennengelernt hatte. Sie wohnen in Ho, knapp hinter der Grenze zu Togo und kamen für zwei Tage vorbei. Robin sitzt im Rollstuhl und es war nicht leicht ein halbwegs barrierefreies Hotel zu finden. In Togo existiert beabsichtige Barrierefreiheit nicht. Am Samstag schlossen wir uns einer Studentengruppe aus Lomé an, die im Rahmen ihrer kulturellen Woche Kpalimé besuchten. Abel, ein Freund von Tobi und mir, lud uns ein. Die ganze Truppe fuhr mit zwei übervollen Bussen in die Berge, wo wir das Château Viale besuchten, ein von Deutschen erbautes altes Schloss. Es ist davon nur noch eine Ruine übrig, aber sie ist begehbar und von ihrem Turm aus kann man bis nach Ghana sehen. Wir taten, was man an einer historischen Stätte wie dieser tut: Wir machten Picnic. Alles hatten die Studenten mitgebracht und das letzte Stück auf dem Kopf getragen. Eine riesige Musikanlage. Boxen voller Reis, Nudeln, Pâte und Salat. Palmwein, Gin und Softdrinks. Teller und Besteck. Hauptsächlich aßen wir und machten Fotos mit den Studenten. Zu spät hatten wir die Idee, die Selfies zu zählen und einen Wettbewerb daraus zu machen, wer auf den meisten Fotos ist. Den Abend genossen wir beim Belgier zu Burgern und Pommes und die Nacht auf der Abschiedsparty einer anderen Freiwilligen. Es war ein erfüllter Tag. Am Samstag fuhren sie früh zurück und so aßen wir nur noch gemeinsam zu Mittag.

Die Tage ziehen jetzt schnell ins Land und ich versuche nicht sie aufzuhalten.

10 Tage Familie

„Ich habe mir immer gesagt, dass es wahrscheinlich gar nicht so anders ist, wie ich denke. Aber es ist noch viel mehr anders, als ich gedacht habe.“ Meine Mutter sagte das beim Abendessen nach ihrem ersten Tag in Togo.

Es war Montag, der 26. März. Ich hatte sie und meinen jüngeren Bruder Lars am Sonntagabend am Flughafen abgeholt und wir waren direkt ins Hotel gefahren. Ein halbes Jahr hatten wir uns nicht gesehen. So lange war ich noch nie von meiner Familie getrennt gewesen. Lars war mindestens einen Meter gewachsen, aber meine Mutter hatte sich gar nicht verändert. Nur ich sei dünn geworden, sagte sie. Es war schön sie wiederzusehen. Die Tage vor ihrer Ankunft waren voller Vorfreude gewesen und hatten sich lang hingezogen. Doch ab dem ersten Moment war ihre Anwesenheit wieder so natürlich, als wäre ich nie weg gewesen, als hätten wir uns gestern erst gesehen, als würden wir zusammen einen ganz normalen Familienurlaub machen. Das wichtigste an meinem Zuhause war nach Togo gekommen: Meine Familie.

Das Hotel, in dem wir wohnten, war eine gepflegte Anlage mit klimatisierten Zimmern, richtigen Duschen und europäischen Preisen. Es war ungewohnter für mich als für die beiden. Zur einen Seite hin öffnete es sich zum Atlantik, der am Abend in seiner glitzernden Weite dalag und auf dem nachts Frachtschiffe blinkten, die darauf warteten, in den nahen Hafen einzulaufen. Zu anderen Seite, ohne Übergang, grenzte es an einen Slum. Wer zum Hotel wollte, musste an den Armen vorbei, die bei Hitze wie bei Sturm in ihren winzigen schiefen Hütten lebten und an den Anblick der Weißen gewöhnt waren, die am Strand baden gingen, nur wenige Meter von ihren Behausungen entfernt. Für die Hotelgäste war das nicht schön. Für die Slumbewohner sicher auch nicht.

Am Montag schliefen wir aus. Nach einem guten Frühstück auf der Terrasse des Hotels brachen wir auf, um uns auf den großen Markt von Lomé zu wagen. Für meine Mutter und Lars waren diese ersten Eindrücke der Stadt bei Tag ein sinnlicher Schock. Gut zwei Stunden liefen wir durch die engen Straßen voller Menschen, vorbei an bunten Ständen mit Tüchern, an stinkenden Ständen mit Fisch, an kleinen Kindern, die auf die Straße pinkelten, an den riesigen Boxen, die zu jeder Tageszeit mit voller Lautstärke übersteuerte Musik spielten, an Männern, die uns Geld wechseln wollten, an Männern, du uns Gürtel verkaufen wollten, an Männern, die um ein bisschen Geld baten, an einer großen deutschen Kirche, in der wir kurz innehielten, weil gerade eine Messe mit französischer Liturgie gehalten wurde und an genau zwei anderen weißen Touristen, die sich gleich uns den Weg durchs Gedränge bahnten. Dann aßen wir eine Pizza und fuhren zurück ins Hotel.

Den Abend verbrachten wir dort und ruhten uns aus. Wir aßen mit einer anderen Freiwilligen aus Kpalimé, deren Mutter auch zu Besuch war. „Es ist noch viel mehr anders, als ich gedacht hatte“, sagte meine Mutter.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Kpalimé. Das Taxi teilten wir uns mit Jeanette, Abraham und Elisa, die in Lomé in ihrer Kirchengemeinde gewesen waren. Die Sonne wurde von einem nebligen Dunst verdeckt, trotzdem war es heiß. Die ungewöhnlich hohe Luftfeuchtigkeit setzte auch mir zu und ließ uns aus allen Poren schwitzen.

Zuhause angekommen, trugen wir das ganze Gepäck in meine zwei Zimmer. Mit einem gewissen Stolz präsentierte ich ihnen meine kleine Wohnung, immerhin war es gewissermaßen mein erstes eigenes Heim. Schnell war meine schöne Ordnung von den ganzen Dingen überrollt, die sie aus Deutschland mitgebracht hatten. Neben einer bescheidenen Anzahl an Süßigkeiten waren es vor allem Tüten mit Kinderklamotten und Spielzeug, die sich auf dem Boden verteilten. Meine Mutter hatte viele Wochen im Voraus auf meine Idee hin Dinge gesammelt, die man im Centre und im Waisenheim von Susanna gebrauchen konnte. Einige Freunde hatten noch Sachen vorbeigebracht und so war eine nennenswerte Menge an T-shirts, Schuhen, Hosen, Puzzles, Puppen, Schulsachen, Malutensilien und weiteren Sachen für Kinder zusammengekommen.

Wir machten einen Spaziergang durch die Stadt und statteten ein paar Freunden von hier einen Besuch ab. Lars sagte fleißig „Ҫa va!“ und meine Mutter wurden von allen sofort mit „Bonne arrivée Maman!“ begrüßt.  Für sie war es eine krasse Erfahrung zu sehen, unter welchen Umständen und in welch kleinen Hütten viele Familien hier leben. Nach einem kurzen Abstecher auf dem Markt, der zum Glück nicht so voll war wie der in Lomé, kehrten wir um, um uns zuhause etwas auszuruhen. Die Hitze machte zu schaffen.

Am Abend waren wir mit Elisa und ihrer Familie beim Belgier verabredet. Ich merkte, dass sich mein Geschmack und meine Ansprüche an Essen in dem halben Jahr stark verändert hatten. Was für mich unter das beste Essen der Stadt fiel, mochte Lars nicht. Meiner Mutter schmeckte es nicht schlecht, aber – natürlich, alles andere wäre seltsam – der Burger mit Bratkartoffeln war für sie nicht der außergewöhnliche Gaumenschmaus, den er für mich bedeutete. Diese Erfahrung würde ich noch öfter machen.

Mittags bereitete Jeanette für uns Essen zu. Für sie war es etwas Besonderes, Gäste zu bewirten, ihnen die traditionellen Speisen zu zeigen. An einem Tag aßen wir Fufu, an einem anderen Koliko, ein anderes Mal Bohnen und – natürlich auch einmal Reis. Seltsamerweise schmeckte er dieses Mal viel besser als die trockenen Körner mit Soße, die es sonst immer gab.

Ursprünglich hatten wir vorgehabt, uns für fünf Tage ein Auto zu mieten und bis ganz oben in den Norden Togos zu fahren, wo es Elefanten und Nilpferde zu sehen gab. Wir änderten unseren Plan, um der Gefahr von Stress und langen, anstrengenden Fahrten vorzubeugen.

Am Donnerstag besuchten wir einen Wasserfall. Der Weg dorthin gab uns einen Vorgeschmack, wie es ist, wenn man sich mit dem Auto auf unbefestigte Wege wagt. Nachdem wir die asphaltierte Straße verlassen hatten, kam der dritte Gang nicht mehr zum Einsatz. Die große Straße dagegen, die wir am Freitag Richtung Norden nahmen, war in einem guten Zustand. Wir hatten uns als Ziel die Stadt Atakpamé gesetzt, bis zu der es gut 120 Kilometer waren. Wir verbrachten dort einen Nachmittag und eine Nacht. Von einer großen Treppe aus, den escaliers des amoureux, hatte man einen wunderschönen Blick auf die ganze Stadt, die mich mit ihren auf und ab führenden Straßen ein bisschen an Rom erinnerte. Am Abend machten wir uns auf Essenssuche, fanden aber kein einziges geöffnetes Restaurant, das uns zugesagt hätte und aßen schließlich ein zweites Mal im Hotel.

Ich hatte von einem Benediktinerkloster gehört, das sich oben im Gebirge befinden sollte. Dorthin brachen wir auf, nachdem wir in einem anderen Hotel frühstücken gewesen waren, vorher wollte meine Mutter nicht los. Nach etwa drei Stunden Fahrt durch kleine und größere Dörfer, lichten und dichteren Dschungel, löchrige und noch löchrigere Straßen, kamen wir schließlich dort an. Es war Ostersamstag und obwohl es 35 Zimmer gab, sagte man uns zuerst, es sei kein einziges mehr frei. Über die Feiertage müsse man reservieren. Der zuständige Bruder ließ uns jedoch warten und kam nach einiger Zeit wieder mit der Botschaft, er habe doch ein Zimmer für uns. Es sei eigentlich für besondere Gäste gedacht, aber er dürfe es uns zur Verfügung stellen.

Das Gelände des Klosters war paradiesisch. Zum Eingang gelangte man über eine breite, gerade Straße, die von Brotfruchtbäumen gesäumt war. Lars meinte treffend, diese Früchte sähen aus, wir riesige Litschis. Vom Tor aus eröffnete sich dem Besucher der Blick auf eine weite, unbepflanzte, Grünfläche, die nach hinten leicht anstieg. In zwei Halbkreisen verlief nach rechts und links jeweils ein Gang, von dem die Zimmer der Besucher und der Mönche abgingen. Beide führten sie zum Herzen der Anlage: Der runden Kirche, die zum größten Teil aus Holz gebaut und mit einem spitz zulaufenden Dach auf dem höchsten Punkt thronte.

Über dem Ort lag Stille, der sich nur die Vögel und Grillen nicht beugten. Ich kannte diese Stille nicht mehr. In der Stadt gab es keinen Ort, der so von Geräuschen abgeschirmt war, dass es dort so leise wäre wie hier. Von Freiwilligen, die von der Umstellung nach ihrer Rückkehr berichtet hatten, hatte ich schon gehört, dass die plötzliche Ruhe ihnen sehr ungewohnt war, fast beunruhigend. Auch mir sagte mein Unterbewusstsein immer wieder, dass etwas an diesem Ort nicht stimmen könne. Es fehlte etwas, es fehlte der ständige Lärm der Autos, der Menschen, der Musik, an den ich mich so gewöhnt hatte. Dennoch konnte ich die Ruhe nach einer Weile auch genießen.

Nicht nur ruhig war es hier oben, sondern dank der Höhe auch angenehm kühl. Wir beschlossen bis Montag zu bleiben. Die Kirche läutete regelmäßig zum Gebet, aber wir gingen nur ab und zu hin. Wir spielten Spiele, gingen spazieren, lasen, genossen die gute Luft und die Feiertagsstimmung. Am Samstagabend um zehn Uhr versammelten sich die Brüder und die Gäste an Rand der Straße, von der der Weg zum Kloster abging. Hier wurde ein kleines Feuer entfacht, das Osterfeuer. Wir standen mit den anderen Gästen auf der linken Seite, relativ weit vorne, während sich die Brüder auf der rechten Seite versammelt hatten. Einer von ihnen, einer der ältesten, sprach die Worte, die traditionell zur Osternacht gesprochen werden. Auf der Straße fuhr ein Motorrad vorbei. Sekunden später hörte man ein seltsames Geräusch. Ein weiteres Motorrad fuhr vorbei, kurz darauf rief jemanden etwas. Einige Menschen lösten sich aus der Versammlung um das Feuer und liefen in die Richtung des Rufenden. Der Fahrer des ersten Motorrads war von der Straße abgekommen und es hatte ihn von seiner Maschine geschleudert. Er hatte auf das Feuer geschaut. Ich ging auch hin, um mich kurz seiner Lage zu versichern. Viele Menschen standen schon um ihn herum. Er lebte und sprach, konnte aber nicht aufstehen. Der Schrecken über den Unfall begleitete uns in die Kirche und auch später noch, als wir zu Bett gingen.

Den Ostersonntag verbrachten wir ohne Eiersuchen, dafür mit einem Festmahl. Während es normalerweise zu Mittag und zu Abend ein einfaches warmes Gericht gab, wurde an diesem Tag groß aufgetragen. Als erster Gang wurde Salat mit Brot gereicht. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass das nicht das ganze Essen war und ich mir meinen Hunger aufteilen musste. Aus den Lautsprechern in den Ecken des Saales ertönte Musik, doch nicht irgendwelche Musik, sondern zur Feier des Tages Mozarts Kleine Nachtmusik. Ein sonderbares Gefühl, in diesem kleinen Land in Westafrika plötzlich 200 Jahre alte deutsche Musik zu hören. Aber schön! Der Hauptgang war Reis mit Soße, dazu Hühnerkeulen. Auf jeden Tisch wurde eine Flasche Rotwein gestellt, außerdem für jeden eine Cola oder ein Bier. Etwas später trat noch ein Bruder zu uns, Rum in der einen Hand und eine Art Likör in der anderen, und bot uns davon an. Zum Nachtisch gab es Kuchen, zwar nur trockenen Marmorkuchen, aber es war Kuchen! Auf diese Weise gegessen hatten wir alle noch nie an einem Ostersonntag.

Bis jetzt waren wir beim Essen die einzigen Weißen gewesen. Am Abend lernten wir drei ältere Französinnen kennen, die sich mit an unseren Tisch setzten. Die drei erzählten, sie seien Apothekerinnen, arbeiteten für eine NGO und seien an verschiedenen Orten im Land eingesetzt. Über die Feiertage hatten sie Kpalimé besucht und waren jetzt noch für eine Nacht hier. Sie waren ein lustiges Trio und als wir uns am nächsten Morgen nach dem Frühstück von ihnen verabschiedeten, tauschten wir noch die Kontaktdaten aus, falls sie einmal in Berlin oder wir einmal in einer der drei Ecken Frankreichs sein würden.

Wir fuhren zurück und unten war es noch immer so bedeckt und schwül, wie in der letzten Woche. Auf dem Weg lag das Waisenheim von Susanna, das Maison sans frontières. Im Kofferraum hatten wir noch die Kleidung und das Spielzeug, das wir hier abgeben wollten, also machten wir Halt. Susanna erzählte einiges von dem täglichen Leben hier, von der Geschichte des Heims und zeigte meiner Mutter die Gebäude, in denen die Kinder schliefen. Für sie war es interessant, einmal die Stimme einer Europäerin zu hören, die schon seit mehreren Jahren hier lebte und die Verhältnisse gut kannte.

Zurück in Kpalimé aßen wir Sandwichs in der Africa Bar, einer der Stammbars von mir und meinen Freunden, und fuhren am Nachmittag ins Schwimmbad im Hotel Geyzer. Vor allem Lars sehnte sich nach einer Abkühlung. Weil es so schön erfrischend war, gingen wir am nächsten Tag gleich nochmal baden, diesmal mit Abraham, Elisa und Emmanuela, einer Nachbarin. Emmanuelas jüngerer Bruder David wollte auch unbedingt mit, aber mit seinen vier Jahren war er zu klein und konnte im Becken nicht einmal stehen, deswegen musste er zuhause bleiben. Als wir am späteren Nachmittag wieder zurückkamen, saß er vor meiner Tür, das Gesicht tieftraurig und voller Weltschmerz, die Badehose in der Hand. Er musste lange hier gesessen und auf uns gewartet haben. Wir beschlossen zusammen, dass ich ihn vor meiner Abreise einmal ins Schwimmbad mitnehmen würde. Mit Schwimmflügeln würde es schon gehen.

Am Dienstagabend gingen wir in einem der teureren Restaurants der Stadt noch einmal gut essen. Als wir ankamen, war es vollkommen leer, nicht einmal Musik spielte. Später setzten sich an den Tisch neben uns noch zwei Spanier und es wurde ein klein wenig lebendiger. Im winzig kleinen Rahmen feierten wir den fünfzigsten Geburtstag meiner Mutter nach, den ich im Dezember leider verpasst hatte. Ich hatte zwar ein Paket geschickt, aber das war nach zwei Monaten einfach zurückgekommen, markiert als „nicht zugestellt“. Zwei Geschenke gab es also jetzt noch. Das Essen war großartig, wenn auch nicht vegetarisch und es wurde ein schöner letzter Abend.

Für den nächsten Tag hatte ich das Auto bestellt, das sie direkt zum Flughafen fahren sollte und pünktlich (!) um ein Uhr stand es vor dem Tor. Alle nahmen wir Abschied, auch Elisa und Abraham, die schon mehrmals angekündigt hatten, wie traurig sie sein würden, wenn sie nicht mehr da wären. Elisa hatte Lars zwischendurch immer wieder kleine Briefe geschrieben. Dabei sprach sie seinen Namen immer aus wie „Lax“. Sie fuhren ab, kamen gut in Lomé, in Paris und schließlich in Berlin an. Mein Zimmer war plötzlich wieder sehr leer und die Zeit bis zu meiner Rückreise sehr lang. Es waren schöne und erlebnisreiche zehn Tage gewesen. Wie ein richtiger Familienurlaub, nur ein bisschen anders.

Das hier ist glaube ich mein bisher längster Blogeintrag. Entschuldigt, dass er so lange auf sich warten ließ. Mein Smartphone funktioniert zurzeit nicht. Um einen Eintrag hochzuladen muss ich jetzt immer ins Internetcafé gehen, was mich aber hoffentlich in den nächsten Wochen nicht am Hochladen hindern wird.

Herzliche Grüße an euch alle in aller Welt, ich hoffe der Frühling schenkt euch ein bisschen von der Sonne, die mich hier keinen Tag allein lässt!

Zelten in Afrika – Ein Erlebnisbericht

Liebe Leute,

 

ich begnüge mich heute mit einem Blogeintrag der ein bisschen gewöhnlicher ist als sonst. Ich erzähle euch einfach nur von meinem Wochenende.

Von langer Hand hatten einige Freunde und ich einen Zeltausflug geplant. Einige Zeit haben wir überlegt, wo wir unser kleines Abenteuer wagen sollen, bis wir uns für die Cascade d’Yikpa entschieden haben. Diesen Wasserfall hatten wir drei Wochen zuvor das erste Mal besucht. Er liegt an einem wunderschönen, abgelegenen Ort knapp hinter der ghanaischen Grenze, den man nur zu Fuß erreichen kann. Von Kpalimé fährt man etwa eineinhalb Stunden, bis man das nächstgelegene Dorf erreicht, wo man sein Motorrad abstellen kann. Von dort aus führt eine einstündige Wanderung durch die Berge der langgestreckten Atakora-Gebirgskette zum Fuße des Wasserfalls. So atemraubend der Fußmarsch selbst ist, so atemberaubend ist die Aussicht, die er eröffnet.

Von meiner Organisation lieh ich Zelte aus, die normalerweise für Ausflüge mit Touristen verwendet werden. Matten konnten wir aus Platzgründen nicht mitnehmen. Wir würden auf dem blanken Zeltboden schlafen müssen. Wir waren zu fünft, weil Flo, der Besuch von Hannes, Malaria aus Sri Lanka mitgebracht hatte und beide deswegen zu Hause blieben.

Am Samstagmorgen kauften wir togotypischen Proviant ein: Weißbrot, Ananas, Bananen, gekochtes Soja mit Chilisoße, Mayonnaise, Schokocreme, und – und das war ein wahrer Luxus – fünf Frühstückseier, die wir in einem kleinen Kessel kochen wollten. Dazu für das Herdfeuer noch ein kleiner Beutel Kohle.

Zwei Personen auf ein Motorrad, dazu Rucksäcke und Zelte und los ging es. Das erste Stück des Weges verlief über die große asphaltierte Straße, danach bogen wir auf einen unbefestigten Weg der uns abwechselnd über Kies, Schotter und bloßer Erde führte. Wir waren froh, als wir das Dorf heil erreicht hatten. Die Wanderung, die auf dem Hinweg vor allem bergab führte, brachten wir schnell hinter uns. Weil sich Regen ankündigte, verstauten wir alles unter einem Felsvorsprung und sammelten Feuerholz, um es für das Lagerfeuer am Abend vor Nässe zu schützen.

Der Wasserfall von Yikpa fällt in zwei Stufen herab. Der erste Fall ergießt sich etwa 80 Meter tief in ein flaches, von Kieseln gesäumtes Becken. Einige große Felsen ragen daraus hervor, die neben der riesigen, massiven Felswand des Berges klein erscheinen. Man kann in dem Becken wunderbar baden und sich sogar direkt unter das herabstürzende Wasser stellen, das an den dichtesten Stellen beinahe schmerzhaft ist. In seinem langen Fall trifft es auf mehrere Felsvorsprünge, die es sprühend überwindet. Noch am Rand des Beckens, gut 25 Meter vom eigentlichen Wasserfall entfernt, meint man ab und zu, es finge an zu regnen, weil die abgelenkten Wassertropfen so weit spritzen. Wenn die Sonne scheint, sind auf der Wasseroberfläche zahlreiche hauchfein schimmernde Regenbogen zu erkennen.

Von dem großen Becken fließt das Wasser in einem Bach ab, der von mehreren grün bewachsenen Inseln in zwei oder drei Arme geteilt und schließlich wieder zusammengeführt wird. Überall, wo die Erde durchtränkt und feucht ist, blühen Blumen mit großen, weißen Blütenkelchen an langen Stängeln mit saftig grünen Blättern. Ich wüsste gern, wie diese Blumen heißen. Am Ende des Baches, verliert der Strom noch einmal seinen Halt, und ergießt sich erneut viele Meter in die Tiefe. Diese Stelle kann man von oben einsehen, weil neben dem Bach, direkt am Abgrund ein kleines Felsplateau die Pflanzen zurücklässt. Im Stein sind hier kräftige Metallösen angebracht, an denen eventuelle Kletterer sich parallel zum Wasserfall hinunterlassen können.

Aber genug der Ortsbeschreibung. Eine kleine Wiese etwas oberhalb des Wasserfallbeckens war bestens für unsere Zwecke geeignet, also schlugen wir dort unsere Zelte auf, nachdem der Regen und das dazugehörige Gewitter sich verzogen hatten. Essen, baden, Lagerfeuer, essen, schlafen, das war der Ablauf des restlichen Tages. Bereits um halb sieben war es stockdunkel,  nur noch das Lagerfeuer und unsere Taschenlampen erhellten die Umgebung. In Deutschland hatte ich bis jetzt nur im Sommer gezeltet, wenn es mindestens bis neun Uhr hell war, deswegen war ich nicht auf die plötzliche Dunkelheit vorbereitet. Dementsprechend früh gingen wir auch ins Bett, denn der mitgebrachte Sangriavorrat reichte nicht für einen langen Abend und wir waren von der Wanderung erschöpft. Die Nacht im Zelt war erst sehr warm, dann dank unserer Schlafsäcke angenehm kuschelig. Kein einziges Mal hörte der Wasserfall auf zu rauschen.

Der nächste Morgen begann mit einem eiskalten Bad, Schokoladencreme auf Brot, Kartenspielen und hartgekochten Frühstückeiern. Danach sonnten wir uns und genossen die Ruhe des Ortes. Im Laufe des Vormittags trafen noch andere Touristen ein, teils Franzosen, teils Togoer, die so verrückt waren, die rutschigen Felsen direkt neben dem herabfallenden Wasser hinaufzuklettern. Wir machten uns gegen eins auf den Rückweg, der bergauf deutlich anstrengender war. Aber auf des Menschens Beine ist Verlass und die Motorräder hielten die Tour auch noch ein zweites Mal durch, sodass wir vor Einbruch der Dunkelheit Kpalimé erreichten. Ich war glücklich und glücklich wieder auf einer echten Matratze zu schlafen.

 

Am Sonntag kommen Ellen und Lars, meine Mutter und mein Bruder zu Besuch. In den zehn Tagen, die sie hier sind, wollen wir uns auch ein Auto mieten und einen kurzen Abstecher in den Norden Togos machen. Die kommenden zwei Wochen wird mein Blog deswegen wahrscheinlich recht ruhig sein, danach aber werde ich viel zu erzählen haben.

Schon jetzt wünsche ich euch deswegen ein schönes, erholsames Osterfest!

Herzliche Grüße

Euer Yann


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Manchmal spürt man noch bei den Zelten die Wassertropfen


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Ein feiner Regenbogen auf der Wasseroberfläche


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Ein Bild von der Wanderung von vor drei Wochen

Eine Spende für Alphabetisierung

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Guillaume beim Unterrichten, Madame Mana und Madame Thérèse folgen seiner Erklärung


Liebe Leute,

mehrmals schon habe ich in vergangenen Einträgen von dem Alphabetisierungsprojekt geschrieben, an dem ich jeden Mittwoch und Donnerstag teilnehme.

Das Projekt wurde von der einheimischen Organisation UNI.SOL.D. ins Leben gerufen. Die Abkürzung steht übersetzt für „Universum der Solidarität und Entwicklung“. Neben dem Projekt, in dem ich mitarbeite, engagiert sich UNI.SOL.D in vielen weiteren Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Beispielsweise veranstaltet sie Animationen für Schulkinder, die durch französische Freiwillige unterstützt werden. Finanziert wird ihre Arbeit durch Spenden aus Europa, Kanada und Asien.

Momentan benötigt die Organisation finanzielle Unterstützung für ihre Alphabetisierungsprojekte:

Radiowerbung

Das Projekt, in dem ich mit Guillaume arbeite, wurde einmal von vielen Teilnehmern aus ganz Kpalimé besucht. Heute sind es nur noch drei bis vier Frauen, die jede Woche zum Unterricht kommen, außerdem einige, die unregelmäßig teilnehmen. Erfahrungsgemäß steigt die Zahl der Teilnehmer stark an, wenn man über die lokalen Radiosender eine Werbekampagne startet. Um möglichst viele Menschen anzusprechen, muss auf allen vier Sendern gleichzeitig gesendet werden. Vier Wochen lang jeden Tag auf allen vier Sendern einen Werbebeitrag abzusetzen, kostet 128.000 Franc CFA, das sind 197 Euro.

Ein Auto für die Lehrer

Im Mai wird im Dorf Agou, am Fuße des Mont Agou, des höchsten Berges Togos, ein weiteres Projekt starten. Wie das Projekt in Kpalimé hat es das Ziel, denjenigen Bewohnern des Dorfes, die kaum Schulbildung genießen durften, Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln. Auch dieses Projekt wird Guillaume leiten, gemeinsam mit einer Mannschaft aus festen Lehrern und wechselnden Freiwilligen wie mir. Die Gruppe der Teilnehmer ist riesig, ungefähr 100 Männer und Frauen werden im Unterricht erwartet.

Für die Lehrer liegt Agou logistisch ungünstig. Von Kpalimé aus müssen sie 15 Kilometer zurücklegen, um zum Ort des Unterrichts zu gelangen. Aus diesem Grund möchte UNI.SOL.D ein Auto anschaffen. Die dafür anvisierte Summe beläuft sich auf 1.170.000 Franc CFA, umgerechnet 1800 Euro.

 Bildung: Ein Menschenrecht

Um ein unabhängiges und selbständiges Leben führen zu können, sind auch in Togo die grundlegenden Kompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen unentbehrlich. Ohne sie haben gerade junge Menschen kaum Chancen auf einen guten Beruf. UNI.SOL.D beruft sich in seiner Arbeit auf den Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, nach der jeder Mensch das Recht auf Bildung hat, die auf die „volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung und Achtung von Menschenrechten und Grundfreiheiten“ gerichtet sein muss.

Spenden

Mit diesem Ziel setzt UNI.SOL.D empfangene Spenden ein. Mit einer Spende unterstützt ihr dieses Ziel und bringt UNI.SOL.D in seiner Arbeit voran.

Kontoinhaber:             Yann Schmidt

IBAN:                             DE10 1608 0000 0848 0394 00       

Verwendungszweck:  UNISOLD Alphabetisierung

Weil die Gebühren einer Überweisung von Deutschland direkt nach Togo sehr hoch sind, werde ich die Spenden an die Verantwortlichen der Organisation weiterleiten. Wenn ihr Fragen zu den Projekten habt, meldet euch sehr gern bei mir!

Auch kleinste Beträge helfen UNI.SOL.D enorm!

 

Herzliche Grüße und danke fürs Durchlesen!

Euer Yann

Ein Haus ohne Grenzen

Acht oder neun Kinder scharen sich aufgeregt um eine Schüssel aus Plastik, die in ihrer Mitte auf dem Boden steht. Sie ist eine Handbreit mit Wasser gefüllt und etwas bewegt sich darin, etwas Kleines, Schlüpfriges. Ein Junge fischt es nach einigen Versuchen mit der Hand heraus und hält es mir unter die Nase. Es ist ein kleiner grauer Fisch, der verzweifelt auf seiner Handfläche zappelt und schließlich zurück in die Schüssel flutscht.

In dem Waisenhaus in der Nähe von Kpalimé, der viertgrößten Stadt Togos, herrscht Mittagsruhe. An einem großen Tisch in der Mitte des Geländes zupft eine Frau grüne Blätter und legt sie in eine Schüssel neben sich. Die breite Steinterrasse um den Tisch ist überdacht, aber an den Seiten offen, in der Ecke befindet sich eine Küche, an der Wand hängt eine Tafel mit Kreidezeichnungen von Kinderhand und auf dem Boden sitzen ein Junge und ein Mädchen, beide etwa fünf Jahre alt. Die Leiterin des Hauses ruht sich gerade aus, sagt man mir, doch wenig später kommt sie aus einem der Zimmer auf dem Hof.

Susanna Salerno ist Italienerin. Die Leute kennen sie nur unter ihrem Vornamen, deswegen will auch ich sie so nennen. Seit 2015 beherbergt sie im „Maison sans Frontières“ Kinder, die keine Familie haben, oder deren Eltern sich nicht um sie kümmern können. Sie sieht jung aus für die Leiterin eines Waisenhauses. Ihre braunen Haare sind kurzgeschoren, und ihren Rücken ziert ein großes Tattoo. Als sie beginnt, ihre Geschichte zu erzählen, kommen die Sätze unaufgeregt, so wie andere vielleicht von ihrem Bachelor erzählen. 2012, mit 23 Jahren, kam sie zum ersten Mal hierher. Sie machte einen dreimonatigen Freiwilligendienst, bei dem sie eigentlich in der Hauptstadt Lomé eingesetzt werden sollte. Dass sie dort Italienischunterricht an einer Schule geben sollte, obwohl die Schüler in ihrem Land von der Sprache nie einen Nutzen haben würden, sah sie nicht ein. Also kam sie in das Dorf Kuma Tsame, das 120 Kilometer weiter nördlich liegt.

Während sie unter Einheimischen lebte, und in einer Organisation arbeitete, die sich um hilfsbedürftige Kinder kümmerte, lernte sie deren Lebensbedingungen kennen. Ein Kind das seine Eltern verliert, wird häufig an seine Großmutter gegeben, die sich um es kümmert. Doch Kinder, die nicht die leiblichen sind, werden zwar ernährt, erfahren aber oft keine liebvolle Zuwendung von ihrer Pflegefamilie. Sie müssen kochen und die Hausarbeit erledigen und nur mit Glück reicht das Geld für eine weitergehende Schulbildung. Kinder, die zwar noch Eltern haben, deren Familien aber am Existenzminimum leben, haben es ähnlich schwer. Die junge Frau beschloss sich der Kinder anzunehmen. Die Ereignisse reihten sich nahtlos aneinander, ohne abzuwarten ergriff sie die Initiative.

Zurück in Italien erhielt Susanna von Freunden und Bekannten viel Unterstützung für ihre Idee. Sie gründete eine Organisation, die sie „Maison sans Frontières“ nannte, Haus ohne Grenzen. In kurzer Zeit organisierte sie mit der Hilfe vieler Unterstützer genügend Spenden, und schon im Oktober 2013 reiste sie nach Togo und kaufte in Kuma Tsame ein Grundstück. Mit jungen Freiwilligen und einigen Einheimischen begann sie, den Platz und die vier Gebäude zu errichten, in denen die Kinder untergebracht werden sollten. Im April 2015 zogen die ersten ein.

Heute sind es vierzehn Kinder, die die meiste Zeit des Jahres hier wohnen. Ostern und Weihnachten verbringen sie bei ihren Familien, oder in Gastfamilien, die Susanna für sie gefunden hat. Ein paar Aufgaben müssen sie auch in ihrem neuen Zuhause übernehmen. Ihre Wäsche waschen sie selbst, im nahegelegenen Bach, wo sie auch die Fische fangen. Für die Küche aber ist eine Haushaltshilfe angestellt, die Susanna bei der Arbeit unterstützt.

Der Junge, der auf der Terrasse sitzt, heißt Espoir, Hoffnung. Er will sofort auf meinen Schoß und zeigt mir, wie man die Teile eines großen Kinderpuzzles seiner Meinung nach richtig zusammensetzt. Für sein Alter spricht er ein ungewöhnlich gutes Französisch. Normalerweise lernen Kinder die Amtssprache ihres Landes erst in der Schule, wo sie im Unterricht ausschließlich gesprochen wird. Dadurch, dass Susanna mit ihren Kindern Französisch spricht, eignen sie es sich sehr früh an. In ihrem späteren Berufsleben wird ihnen das hilfreich sein. Susanna selbst wird von den Kindern Tata genannt, ein Titel, den man sich verdienen muss, und der in der örtlichen Sprache Ewe so viel wie „Mama“ bedeutet. Die Bezeichnung Yovo, mit der alle Weißen in der Stadt zu kämpfen haben, hat sie längst abgelegt.

„Es ist ein einfaches Leben, das wir hier leben“, sagt Susanna, „ein schönes Leben, aber ein einfaches.“ Ein bis zwei Mal im Jahr fliegt sie nach Italien, um ihre eigene Familie zu sehen. Ihre neue Familie will sie aber nicht zu lange allein lassen, nicht bevor sie jemand geeigneten gefunden hat, der sich für längere Zeit um das Heim kümmern kann. Oft kommen junge Freiwillige aus Italien oder Frankreich, wie sie selbst eine war, um für ein paar Wochen hier zu wohnen und das Leben der Kinder mitzugestalten.

Für immer möchte Susanna nicht hierbleiben. Sie liebt es zu reisen, erzählt sie, und beschreibt die Route, die sie gern erkunden möchte, wenn sie für sich selbst ein bisschen Geld gespart hat. Sie führt durch Malaysia, Kambodscha und Laos bis nach Thailand. Losgehen kann es, wenn sie einen Nachfolger für die Leitung des „Maison sans Frontières“ gefunden hat. Es bleiben keine Zweifel daran, dass sie auch dieses Vorhaben umsetzen wird.


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Der kleine Espoir, mit mir auf einem großartigen Kletterfelsen, unten das Maison sans Frontières