Deutschland

Sechs Stunden dauerte der Flug von Lomé nach Paris. Im Flieger saßen vor allem Schwarze und das Essen, das um Mitternacht gereicht wurde, erschien mir mehr afrikanisch als europäisch. In Paris stieg ich um in die Maschine nach Berlin. Die Menschen sprachen ein schnelles Französisch, das man nur mit Mühe verstehen konnte. Auf dem Weg zum Boarding ging ich noch auf die Toilette. Alles war hell erleuchtet und das Porzellan der Waschbecken und der Toilette erstrahlte in sauberem Weiß. Zwei Stunden später, um kurz vor zehn mitteleuropäische Zeit, kam ich in Deutschland an. Ich kam ins Paradies.
Die Familie, bei der ich wohnen sollte, holte mich am Flughafen ab. Sie hatten ein Schild gemalt, darauf stand groß: „YANN“ und darunter „Bon arrivée!“. Die Sonne schien, aber die Luft war angenehm frisch. Ich begrüßte sie alle und sie führten mich zu einem großen, silbernen Auto, das recht neu aussah. Ich durfte vorne sitzen. Ellen, die Mutter der Familie, steuerte das Auto und ich bewunderte sie dafür, wie sanft sie den Wagen lenkte, obwohl wir laut dem Tacho beinahe hundert fuhren. Der Tacho funktionierte! Die breite Straße mit mehreren Spuren führte an einem Wald vorbei, mit Bäumen die es in Togo nicht gab. Alles war grün, aber nicht wild, sondern freundlich und gepflegt.
Auf dem Weg nach Hause hielten wir beim Bäcker. Die junge Frau hinter dem Tresen grüßte uns freundlich, aber von den anderen Kunden beachtete uns niemand. Ich durfte mir etwas aussuchen und Ellen bezahlte. Im Kopf rechnete ich die Preise in CFA um, aber ich war nicht sicher, ob meine Rechnung stimmte. Die Preise waren viel zu hoch. Auf dem Parkplatz kam uns noch der Bürgermeister des Ortes entgegen. Er sah aus wie alle anderen Menschen, trug nicht einmal einen Anzug. Wie alle anderen Leute mied er den Blickkontakt.
Das Haus, in dem ich mit der Familie wohnen sollte, war riesig. Es hatte drei Stockwerke, und zwei Badezimmer mit Toilette und Dusche. Aus dem Wasserhahn kam heißes Wasser! Überall waren Fenster aus Glas, in einem Raum sogar an der Decke. Es standen bestimmt vier Computer herum. In der Küche gab es einen Kühlschrank, den Ellen mir zeigte Er war ganz voller Essen. In Schubladen darunter, die noch kälter waren als der Kühlschrank, gab es Unmengen tiefgekühlte Sachen und sogar drei Packungen Milcheis. In der Küche stand auch ein großer Kasten, den Ellen als Herd bezeichnete. Oben drauf waren fünf Flammen in verschiedenen Größen, auf die man die fünf Töpfe auf einmal stellen kann. Fünf Flammen! In dem Fach darunter kann man Sachen backen. Dabei ist Ellen gar keine Bäckerin.
Auf dem Tisch stand schon das Frühstück bereit. Und was für ein Frühstück! Es gab Brötchen in rauen Mengen, verschiedene Marmeladen, Schinken, Käse, Rindermilch, Orangensaft und kleine rote Früchte, die toll schmeckten und „Erdbeeren“ heißen. Es blieben sogar noch Brötchen übrig und viel von der Marmelade und dem Käse. Das wurde einfach wieder in den Kühlschrank gestellt für den nächsten Tag. Ich glaube, die Deutschen essen sehr viel.
Ich will von meinem ersten Tag nicht zu viel erzählen, obwohl das Leben hier so anders ist. Und alles ist so sauber. Für den Müll gibt es extra Eimer im Haus. Und man muss aufpassen, wo man was reintut. Ich habe noch nicht verstanden, warum, aber Plastik kommt nicht in denselben Eimer wie Obstschalen und Papier ist nochmal woanders.
Am Abend wartete ich darauf, dass der Fernseher angemacht würde. Aber nicht nur das blieb aus, es wurde auch nicht dunkel. Um sieben sah man immer noch die Sonne und auch um acht war es noch hell. Erst kurz vor zehn brach die Dämmerung herein. Aber selbst jetzt war es draußen immer noch nicht ganz dunkel. Das liegt auch daran, dass an der Straße überall Laternen stehen. Dafür wurde es aber richtig kalt. Ellen zeigte mir mein Bett. Die Bettdecke war richtig schwer und die Matratze wunderbar weich. Ich schlief sehr schnell ein.

Ich kann nur versuchen und kein Deutscher wäre wohl jemals in der Lage, die Eindrücke zu beschreiben, die ein junger Mensch bei seinem ersten Besuch in Deutschland gewinnen würde. Viele Sätze treffen aber durchaus auch auf mich zu. Was geht über eine warme Dusche?! Seit zwei Wochen bin ich jetzt zurück in Kleinmachnow. Am schönsten war das Wiedersehen mit der Familie. Das viele gute Essen hat den Nachteil, dass es im Überfluss da ist und mein Hunger natürlicherweise begrenzt ist. Das hätte ich mir in Togo gar nicht vorstellen können.
Abgesehen davon, war es fast erschreckend, wie reibungslos ich wieder in den deutschen Alltag hineingerutscht bin. In beiden Ländern, in Togo wie in Deutschland, kann man von dem anderen nur träumen. Es ist unglaublich, wie wenig Berührungspunkte es zwischen den beiden Welten gibt und wie schnell die Gegenwart dort für mich zur fernen Erinnerung wird.
Kurz noch zu dem Grund für meine verfrühte Rückkehr: Ursprünglich waren zwölf Monate Freiwilligendienst vorgesehen, daher ja der Name dieses Blogs. Letztendlich jedoch waren es genau acht. Ich war mit der Situation in meinem Projekt nicht zufrieden. Ich war nach Togo gegangen, um zu arbeiten, um als Unterstützung da zu sein, um etwas zu tun. Aber über die acht Monate hatte ich so wenig Möglichkeiten, das umzusetzen, dass mich schließlich das Gefühl nicht mehr losgelassen hat, ich könnte meine Zeit sinnvoller verbringen. Es war nicht die Einschätzung meiner Effektivität, nicht das Wissen darum, das ich Zeit verschwenden würde, sondern die Empfindung, dass ich etwas tun wollte und hier nicht länger der richtige Ort dafür sei.
So bin ich fröhlich gegangen, auch wenn ich nicht ohne Trauer Abschied genommen habe. Es blieb das Versprechen an mich, nach meinem Studium zurückzukehren und all die Menschen wiederzusehen, denen ich nahegekommen war und die ich liebgewonnen habe. Das Versprechen steht und mein Versprechen euch gegenüber hat mich zu diesem vorerst letzten Blogeintrag gedrängt.
Danke, dass so viele von euch so treu gelesen haben und Danke für die vielen Ermunterungen und Nachrichten. Sie haben mich beim Schreiben enorm angespornt.
Ich kann nur sagen: Ich hoffe, es hat euch gefallen! Mir hat es gefallen.

P.S. Den Hut hatte ich leider in Togo vergessen. Zum Glück hat Elisa, die seit einer Woche auch zurück ist, ihn mir mitgebracht. Dieu Merci, würde man in Togo sagen.


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Abschied im Centre, meinem zweiten Zuhause in Kpalimé


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Meine Gastfamilie vor der Abfahrt. Francois war auf Reisen in Nigeria, von ihm hatte ich mich schon am Vortag verabschiedet. IMG-20180520-WA0009

Das letzte Mal beim Belgier. Sogar Rika und Fabi aus Sokodé waren noch dabei. Den Linsenburger werde ich vermissen. 

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