Unabhängigkeit

Ein wunderschöner Regen fällt sanft auf das Dach, nimmt den Rhythmus meiner Weckermelodie an und trommelt mich aus dem Schlaf. Solange es regnet, kann ich nicht duschen, denke ich und bleibe liegen. Bald werden die Tropfen auf dem Dach weniger und schließlich habe ich keinen Grund mehr, nicht aufzustehen. Ich gehe duschen. Den Himmel bedeckt ein grauer Wolkenteppich. Es ist kühl, aber ich friere nicht, auch nicht, als ich mir Wasser aus dem Duscheimer über den Kopf gieße. Ich bin dem Wetter dankbar dafür, dass es heute so deutsch ist. Ausnahmsweise ist es an mir, ihm seine Kraftlosigkeit zu verzeihen. An all den Tagen, an denen die Sonne mit ihrer ganzen Energie und ohne jede bescheidene Zurückhaltung herunterbrennt, bin ich der Demütige. „Warum willst du dich beschweren? Was willst du mehr von mir verlangen?“ ruft es mir dann zu und ich muss es um Verzeihung bitten, dass ich seiner unbändigen Freude nicht gleichkommen kann, weil mein Kreislauf es nicht erlaubt. Dass ich mich mittags in meinem Zimmer ausruhe, obwohl es doch draußen so schön ist. Doch heute bin ich es, der ihm verzeiht, der mit einem milden Lächeln die grauen Wolken grüßt und sie nicht auslacht dafür, dass sie einen Tag mit Weinen begonnen haben, anstatt mit ihrer immerwährenden guten Laune.

Nach drei Wochen Funkstille, beginne ich einen neuen Eintrag mit 200 Wörtern über das Wetter. Man könnte meinen, ich hätte nichts zu erzählen. Welche Unwahrheit! Es gibt sie nicht mehr, diese Tage, an denen ich nichts zu tun hätte und von denen es nichts zu erzählen gibt. Wenn es nichts Geplantes ist, fülle ich sie mit Dingen auf, die noch zu tun sind. Ich verbringe viel Zeit mit meinen deutschen Freunden. Beinahe jeden Abend sehen wir uns. Sie werde ich am meisten vermissen, wenn ich zurück in Deutschland bin.

Elisa, meine Gastschwester, fragte mich letzte Woche: „Wann hat Deutschland seinen Unabhängigkeitstag?“ Sie war erstaunt, dass wir keinen haben, schließlich hat doch auch jedes Kind einen Geburtstag. Der jour de l’indépendance von Togo war am vergangenen Freitag. Im Stadtzentrum wurden auf beiden Seiten der Hauptstraße große Zelte aufgebaut. Jeanette und ich gingen früh los, um einen Sitzplatz abzubekommen, Francois blieb zu Hause. Zwei Kommentatoren umrissen die Geschichte Togos seit seiner Unabhängigkeit. Der eine von ihnen hatte ein erstaunliches Gedächtnis, und kramte daraus die Biografie jedes einzelnen der Präsidenten samt Mutter und Vater hervor, ohne sich ins Wort reden zu lassen. Dem anderen, der immerhin ein Gespür dafür hatte, dass die Leute der Geburtsort des zweiten Präsidenten, der nur drei Tage im Amt war, nicht unbedingt so brennend interessierte, gelang es nicht, ihn zu stoppen. Worauf alle warteten, waren die festlichen Märsche der Schüler und der anderen angemeldeten Gruppen. Polizei und Militär machten den Anfang, gefolgt von anderen Offiziellen. Wunderschön, riefen die Kommentatoren, und die Zuschauer drängten sich zusammen, um besser zu sehen. Es folgten die Schüler in ihren Uniformen. Eine ganze Woche hatten sie in den Schulen geübt und nur die besten waren ausgewählt worden. Eine Stunde ergoss sich ein marschierender Strom von Jungen und Mädchen in die Straße, die ihre Arme und Beine im Takt der ausdauernden Blaskapelle in die Luft streckten. Dann kamen die verschiedenen Vereine der Stadt und unzählige Berufsgruppen. Schneider, Friseure, Handwerker, Taxifahrer, Eisverkäufer, Frauenverbände, Maler, Inlineskater, jeder konnte sich anmelden. Irgendwann wurde nicht mehr marschiert, sondern die Gruppen überboten sich in kleinen Kunststücken und Choreografien. Die Zuschauer feierten sie alle. Die Stimmung auf der Straße war ausgelassen, es war wirklich so, wie das Wesen des Wortes Feiertag es verspricht.
Einige Togoer aber kamen nicht. Sie sagten, dass Togo noch immer keine wirkliche Unabhängigkeit von Frankreich erreicht hat. So düster diese Ansicht 58 Jahre nach der Ausrufung des eigenständigen Staates Togo ist, so wahr ist sie wahrscheinlich.

Die Festtagsstimmung, die am Freitag in der ganzen Stadt herrschte, wurde noch übertroffen von der, die am Dienstag die Menschen auf die Straßen lockte. Der 1. Mai wurde größer gefeiert als Weihnachten, als Neujahr, als jeder andere Tage, den ich bisher hier erlebt habe. Am Abend schien kein Mann und keine Frau mehr in seiner Wohnung zu sein und kaum jemand hatte nichts getrunken. Dodji, ein togoischer Freund aus den Anfangszeiten lud mich ein, mit sich und seinen Kollegen aus der Druckerei zu feiern. Ich ging hin, trank ein Bier, hörte ihre Reden an, hatte Spaß und versicherte Dodji, ich würde ihn auch vermissen, wenn ich zurückginge. Das werde ich auch.

Am Wochenende, also zwischen den beiden Feiern, waren Robin und Freddy zu Besuch, die ich auf meinem Zwischenseminar in Ghana kennengelernt hatte. Sie wohnen in Ho, knapp hinter der Grenze zu Togo und kamen für zwei Tage vorbei. Robin sitzt im Rollstuhl und es war nicht leicht ein halbwegs barrierefreies Hotel zu finden. In Togo existiert beabsichtige Barrierefreiheit nicht. Am Samstag schlossen wir uns einer Studentengruppe aus Lomé an, die im Rahmen ihrer kulturellen Woche Kpalimé besuchten. Abel, ein Freund von Tobi und mir, lud uns ein. Die ganze Truppe fuhr mit zwei übervollen Bussen in die Berge, wo wir das Château Viale besuchten, ein von Deutschen erbautes altes Schloss. Es ist davon nur noch eine Ruine übrig, aber sie ist begehbar und von ihrem Turm aus kann man bis nach Ghana sehen. Wir taten, was man an einer historischen Stätte wie dieser tut: Wir machten Picnic. Alles hatten die Studenten mitgebracht und das letzte Stück auf dem Kopf getragen. Eine riesige Musikanlage. Boxen voller Reis, Nudeln, Pâte und Salat. Palmwein, Gin und Softdrinks. Teller und Besteck. Hauptsächlich aßen wir und machten Fotos mit den Studenten. Zu spät hatten wir die Idee, die Selfies zu zählen und einen Wettbewerb daraus zu machen, wer auf den meisten Fotos ist. Den Abend genossen wir beim Belgier zu Burgern und Pommes und die Nacht auf der Abschiedsparty einer anderen Freiwilligen. Es war ein erfüllter Tag. Am Samstag fuhren sie früh zurück und so aßen wir nur noch gemeinsam zu Mittag.

Die Tage ziehen jetzt schnell ins Land und ich versuche nicht sie aufzuhalten.

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