10 Tage Familie

„Ich habe mir immer gesagt, dass es wahrscheinlich gar nicht so anders ist, wie ich denke. Aber es ist noch viel mehr anders, als ich gedacht habe.“ Meine Mutter sagte das beim Abendessen nach ihrem ersten Tag in Togo.

Es war Montag, der 26. März. Ich hatte sie und meinen jüngeren Bruder Lars am Sonntagabend am Flughafen abgeholt und wir waren direkt ins Hotel gefahren. Ein halbes Jahr hatten wir uns nicht gesehen. So lange war ich noch nie von meiner Familie getrennt gewesen. Lars war mindestens einen Meter gewachsen, aber meine Mutter hatte sich gar nicht verändert. Nur ich sei dünn geworden, sagte sie. Es war schön sie wiederzusehen. Die Tage vor ihrer Ankunft waren voller Vorfreude gewesen und hatten sich lang hingezogen. Doch ab dem ersten Moment war ihre Anwesenheit wieder so natürlich, als wäre ich nie weg gewesen, als hätten wir uns gestern erst gesehen, als würden wir zusammen einen ganz normalen Familienurlaub machen. Das wichtigste an meinem Zuhause war nach Togo gekommen: Meine Familie.

Das Hotel, in dem wir wohnten, war eine gepflegte Anlage mit klimatisierten Zimmern, richtigen Duschen und europäischen Preisen. Es war ungewohnter für mich als für die beiden. Zur einen Seite hin öffnete es sich zum Atlantik, der am Abend in seiner glitzernden Weite dalag und auf dem nachts Frachtschiffe blinkten, die darauf warteten, in den nahen Hafen einzulaufen. Zu anderen Seite, ohne Übergang, grenzte es an einen Slum. Wer zum Hotel wollte, musste an den Armen vorbei, die bei Hitze wie bei Sturm in ihren winzigen schiefen Hütten lebten und an den Anblick der Weißen gewöhnt waren, die am Strand baden gingen, nur wenige Meter von ihren Behausungen entfernt. Für die Hotelgäste war das nicht schön. Für die Slumbewohner sicher auch nicht.

Am Montag schliefen wir aus. Nach einem guten Frühstück auf der Terrasse des Hotels brachen wir auf, um uns auf den großen Markt von Lomé zu wagen. Für meine Mutter und Lars waren diese ersten Eindrücke der Stadt bei Tag ein sinnlicher Schock. Gut zwei Stunden liefen wir durch die engen Straßen voller Menschen, vorbei an bunten Ständen mit Tüchern, an stinkenden Ständen mit Fisch, an kleinen Kindern, die auf die Straße pinkelten, an den riesigen Boxen, die zu jeder Tageszeit mit voller Lautstärke übersteuerte Musik spielten, an Männern, die uns Geld wechseln wollten, an Männern, du uns Gürtel verkaufen wollten, an Männern, die um ein bisschen Geld baten, an einer großen deutschen Kirche, in der wir kurz innehielten, weil gerade eine Messe mit französischer Liturgie gehalten wurde und an genau zwei anderen weißen Touristen, die sich gleich uns den Weg durchs Gedränge bahnten. Dann aßen wir eine Pizza und fuhren zurück ins Hotel.

Den Abend verbrachten wir dort und ruhten uns aus. Wir aßen mit einer anderen Freiwilligen aus Kpalimé, deren Mutter auch zu Besuch war. „Es ist noch viel mehr anders, als ich gedacht hatte“, sagte meine Mutter.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Kpalimé. Das Taxi teilten wir uns mit Jeanette, Abraham und Elisa, die in Lomé in ihrer Kirchengemeinde gewesen waren. Die Sonne wurde von einem nebligen Dunst verdeckt, trotzdem war es heiß. Die ungewöhnlich hohe Luftfeuchtigkeit setzte auch mir zu und ließ uns aus allen Poren schwitzen.

Zuhause angekommen, trugen wir das ganze Gepäck in meine zwei Zimmer. Mit einem gewissen Stolz präsentierte ich ihnen meine kleine Wohnung, immerhin war es gewissermaßen mein erstes eigenes Heim. Schnell war meine schöne Ordnung von den ganzen Dingen überrollt, die sie aus Deutschland mitgebracht hatten. Neben einer bescheidenen Anzahl an Süßigkeiten waren es vor allem Tüten mit Kinderklamotten und Spielzeug, die sich auf dem Boden verteilten. Meine Mutter hatte viele Wochen im Voraus auf meine Idee hin Dinge gesammelt, die man im Centre und im Waisenheim von Susanna gebrauchen konnte. Einige Freunde hatten noch Sachen vorbeigebracht und so war eine nennenswerte Menge an T-shirts, Schuhen, Hosen, Puzzles, Puppen, Schulsachen, Malutensilien und weiteren Sachen für Kinder zusammengekommen.

Wir machten einen Spaziergang durch die Stadt und statteten ein paar Freunden von hier einen Besuch ab. Lars sagte fleißig „Ҫa va!“ und meine Mutter wurden von allen sofort mit „Bonne arrivée Maman!“ begrüßt.  Für sie war es eine krasse Erfahrung zu sehen, unter welchen Umständen und in welch kleinen Hütten viele Familien hier leben. Nach einem kurzen Abstecher auf dem Markt, der zum Glück nicht so voll war wie der in Lomé, kehrten wir um, um uns zuhause etwas auszuruhen. Die Hitze machte zu schaffen.

Am Abend waren wir mit Elisa und ihrer Familie beim Belgier verabredet. Ich merkte, dass sich mein Geschmack und meine Ansprüche an Essen in dem halben Jahr stark verändert hatten. Was für mich unter das beste Essen der Stadt fiel, mochte Lars nicht. Meiner Mutter schmeckte es nicht schlecht, aber – natürlich, alles andere wäre seltsam – der Burger mit Bratkartoffeln war für sie nicht der außergewöhnliche Gaumenschmaus, den er für mich bedeutete. Diese Erfahrung würde ich noch öfter machen.

Mittags bereitete Jeanette für uns Essen zu. Für sie war es etwas Besonderes, Gäste zu bewirten, ihnen die traditionellen Speisen zu zeigen. An einem Tag aßen wir Fufu, an einem anderen Koliko, ein anderes Mal Bohnen und – natürlich auch einmal Reis. Seltsamerweise schmeckte er dieses Mal viel besser als die trockenen Körner mit Soße, die es sonst immer gab.

Ursprünglich hatten wir vorgehabt, uns für fünf Tage ein Auto zu mieten und bis ganz oben in den Norden Togos zu fahren, wo es Elefanten und Nilpferde zu sehen gab. Wir änderten unseren Plan, um der Gefahr von Stress und langen, anstrengenden Fahrten vorzubeugen.

Am Donnerstag besuchten wir einen Wasserfall. Der Weg dorthin gab uns einen Vorgeschmack, wie es ist, wenn man sich mit dem Auto auf unbefestigte Wege wagt. Nachdem wir die asphaltierte Straße verlassen hatten, kam der dritte Gang nicht mehr zum Einsatz. Die große Straße dagegen, die wir am Freitag Richtung Norden nahmen, war in einem guten Zustand. Wir hatten uns als Ziel die Stadt Atakpamé gesetzt, bis zu der es gut 120 Kilometer waren. Wir verbrachten dort einen Nachmittag und eine Nacht. Von einer großen Treppe aus, den escaliers des amoureux, hatte man einen wunderschönen Blick auf die ganze Stadt, die mich mit ihren auf und ab führenden Straßen ein bisschen an Rom erinnerte. Am Abend machten wir uns auf Essenssuche, fanden aber kein einziges geöffnetes Restaurant, das uns zugesagt hätte und aßen schließlich ein zweites Mal im Hotel.

Ich hatte von einem Benediktinerkloster gehört, das sich oben im Gebirge befinden sollte. Dorthin brachen wir auf, nachdem wir in einem anderen Hotel frühstücken gewesen waren, vorher wollte meine Mutter nicht los. Nach etwa drei Stunden Fahrt durch kleine und größere Dörfer, lichten und dichteren Dschungel, löchrige und noch löchrigere Straßen, kamen wir schließlich dort an. Es war Ostersamstag und obwohl es 35 Zimmer gab, sagte man uns zuerst, es sei kein einziges mehr frei. Über die Feiertage müsse man reservieren. Der zuständige Bruder ließ uns jedoch warten und kam nach einiger Zeit wieder mit der Botschaft, er habe doch ein Zimmer für uns. Es sei eigentlich für besondere Gäste gedacht, aber er dürfe es uns zur Verfügung stellen.

Das Gelände des Klosters war paradiesisch. Zum Eingang gelangte man über eine breite, gerade Straße, die von Brotfruchtbäumen gesäumt war. Lars meinte treffend, diese Früchte sähen aus, wir riesige Litschis. Vom Tor aus eröffnete sich dem Besucher der Blick auf eine weite, unbepflanzte, Grünfläche, die nach hinten leicht anstieg. In zwei Halbkreisen verlief nach rechts und links jeweils ein Gang, von dem die Zimmer der Besucher und der Mönche abgingen. Beide führten sie zum Herzen der Anlage: Der runden Kirche, die zum größten Teil aus Holz gebaut und mit einem spitz zulaufenden Dach auf dem höchsten Punkt thronte.

Über dem Ort lag Stille, der sich nur die Vögel und Grillen nicht beugten. Ich kannte diese Stille nicht mehr. In der Stadt gab es keinen Ort, der so von Geräuschen abgeschirmt war, dass es dort so leise wäre wie hier. Von Freiwilligen, die von der Umstellung nach ihrer Rückkehr berichtet hatten, hatte ich schon gehört, dass die plötzliche Ruhe ihnen sehr ungewohnt war, fast beunruhigend. Auch mir sagte mein Unterbewusstsein immer wieder, dass etwas an diesem Ort nicht stimmen könne. Es fehlte etwas, es fehlte der ständige Lärm der Autos, der Menschen, der Musik, an den ich mich so gewöhnt hatte. Dennoch konnte ich die Ruhe nach einer Weile auch genießen.

Nicht nur ruhig war es hier oben, sondern dank der Höhe auch angenehm kühl. Wir beschlossen bis Montag zu bleiben. Die Kirche läutete regelmäßig zum Gebet, aber wir gingen nur ab und zu hin. Wir spielten Spiele, gingen spazieren, lasen, genossen die gute Luft und die Feiertagsstimmung. Am Samstagabend um zehn Uhr versammelten sich die Brüder und die Gäste an Rand der Straße, von der der Weg zum Kloster abging. Hier wurde ein kleines Feuer entfacht, das Osterfeuer. Wir standen mit den anderen Gästen auf der linken Seite, relativ weit vorne, während sich die Brüder auf der rechten Seite versammelt hatten. Einer von ihnen, einer der ältesten, sprach die Worte, die traditionell zur Osternacht gesprochen werden. Auf der Straße fuhr ein Motorrad vorbei. Sekunden später hörte man ein seltsames Geräusch. Ein weiteres Motorrad fuhr vorbei, kurz darauf rief jemanden etwas. Einige Menschen lösten sich aus der Versammlung um das Feuer und liefen in die Richtung des Rufenden. Der Fahrer des ersten Motorrads war von der Straße abgekommen und es hatte ihn von seiner Maschine geschleudert. Er hatte auf das Feuer geschaut. Ich ging auch hin, um mich kurz seiner Lage zu versichern. Viele Menschen standen schon um ihn herum. Er lebte und sprach, konnte aber nicht aufstehen. Der Schrecken über den Unfall begleitete uns in die Kirche und auch später noch, als wir zu Bett gingen.

Den Ostersonntag verbrachten wir ohne Eiersuchen, dafür mit einem Festmahl. Während es normalerweise zu Mittag und zu Abend ein einfaches warmes Gericht gab, wurde an diesem Tag groß aufgetragen. Als erster Gang wurde Salat mit Brot gereicht. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass das nicht das ganze Essen war und ich mir meinen Hunger aufteilen musste. Aus den Lautsprechern in den Ecken des Saales ertönte Musik, doch nicht irgendwelche Musik, sondern zur Feier des Tages Mozarts Kleine Nachtmusik. Ein sonderbares Gefühl, in diesem kleinen Land in Westafrika plötzlich 200 Jahre alte deutsche Musik zu hören. Aber schön! Der Hauptgang war Reis mit Soße, dazu Hühnerkeulen. Auf jeden Tisch wurde eine Flasche Rotwein gestellt, außerdem für jeden eine Cola oder ein Bier. Etwas später trat noch ein Bruder zu uns, Rum in der einen Hand und eine Art Likör in der anderen, und bot uns davon an. Zum Nachtisch gab es Kuchen, zwar nur trockenen Marmorkuchen, aber es war Kuchen! Auf diese Weise gegessen hatten wir alle noch nie an einem Ostersonntag.

Bis jetzt waren wir beim Essen die einzigen Weißen gewesen. Am Abend lernten wir drei ältere Französinnen kennen, die sich mit an unseren Tisch setzten. Die drei erzählten, sie seien Apothekerinnen, arbeiteten für eine NGO und seien an verschiedenen Orten im Land eingesetzt. Über die Feiertage hatten sie Kpalimé besucht und waren jetzt noch für eine Nacht hier. Sie waren ein lustiges Trio und als wir uns am nächsten Morgen nach dem Frühstück von ihnen verabschiedeten, tauschten wir noch die Kontaktdaten aus, falls sie einmal in Berlin oder wir einmal in einer der drei Ecken Frankreichs sein würden.

Wir fuhren zurück und unten war es noch immer so bedeckt und schwül, wie in der letzten Woche. Auf dem Weg lag das Waisenheim von Susanna, das Maison sans frontières. Im Kofferraum hatten wir noch die Kleidung und das Spielzeug, das wir hier abgeben wollten, also machten wir Halt. Susanna erzählte einiges von dem täglichen Leben hier, von der Geschichte des Heims und zeigte meiner Mutter die Gebäude, in denen die Kinder schliefen. Für sie war es interessant, einmal die Stimme einer Europäerin zu hören, die schon seit mehreren Jahren hier lebte und die Verhältnisse gut kannte.

Zurück in Kpalimé aßen wir Sandwichs in der Africa Bar, einer der Stammbars von mir und meinen Freunden, und fuhren am Nachmittag ins Schwimmbad im Hotel Geyzer. Vor allem Lars sehnte sich nach einer Abkühlung. Weil es so schön erfrischend war, gingen wir am nächsten Tag gleich nochmal baden, diesmal mit Abraham, Elisa und Emmanuela, einer Nachbarin. Emmanuelas jüngerer Bruder David wollte auch unbedingt mit, aber mit seinen vier Jahren war er zu klein und konnte im Becken nicht einmal stehen, deswegen musste er zuhause bleiben. Als wir am späteren Nachmittag wieder zurückkamen, saß er vor meiner Tür, das Gesicht tieftraurig und voller Weltschmerz, die Badehose in der Hand. Er musste lange hier gesessen und auf uns gewartet haben. Wir beschlossen zusammen, dass ich ihn vor meiner Abreise einmal ins Schwimmbad mitnehmen würde. Mit Schwimmflügeln würde es schon gehen.

Am Dienstagabend gingen wir in einem der teureren Restaurants der Stadt noch einmal gut essen. Als wir ankamen, war es vollkommen leer, nicht einmal Musik spielte. Später setzten sich an den Tisch neben uns noch zwei Spanier und es wurde ein klein wenig lebendiger. Im winzig kleinen Rahmen feierten wir den fünfzigsten Geburtstag meiner Mutter nach, den ich im Dezember leider verpasst hatte. Ich hatte zwar ein Paket geschickt, aber das war nach zwei Monaten einfach zurückgekommen, markiert als „nicht zugestellt“. Zwei Geschenke gab es also jetzt noch. Das Essen war großartig, wenn auch nicht vegetarisch und es wurde ein schöner letzter Abend.

Für den nächsten Tag hatte ich das Auto bestellt, das sie direkt zum Flughafen fahren sollte und pünktlich (!) um ein Uhr stand es vor dem Tor. Alle nahmen wir Abschied, auch Elisa und Abraham, die schon mehrmals angekündigt hatten, wie traurig sie sein würden, wenn sie nicht mehr da wären. Elisa hatte Lars zwischendurch immer wieder kleine Briefe geschrieben. Dabei sprach sie seinen Namen immer aus wie „Lax“. Sie fuhren ab, kamen gut in Lomé, in Paris und schließlich in Berlin an. Mein Zimmer war plötzlich wieder sehr leer und die Zeit bis zu meiner Rückreise sehr lang. Es waren schöne und erlebnisreiche zehn Tage gewesen. Wie ein richtiger Familienurlaub, nur ein bisschen anders.

Das hier ist glaube ich mein bisher längster Blogeintrag. Entschuldigt, dass er so lange auf sich warten ließ. Mein Smartphone funktioniert zurzeit nicht. Um einen Eintrag hochzuladen muss ich jetzt immer ins Internetcafé gehen, was mich aber hoffentlich in den nächsten Wochen nicht am Hochladen hindern wird.

Herzliche Grüße an euch alle in aller Welt, ich hoffe der Frühling schenkt euch ein bisschen von der Sonne, die mich hier keinen Tag allein lässt!

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