Ein Haus ohne Grenzen

Acht oder neun Kinder scharen sich aufgeregt um eine Schüssel aus Plastik, die in ihrer Mitte auf dem Boden steht. Sie ist eine Handbreit mit Wasser gefüllt und etwas bewegt sich darin, etwas Kleines, Schlüpfriges. Ein Junge fischt es nach einigen Versuchen mit der Hand heraus und hält es mir unter die Nase. Es ist ein kleiner grauer Fisch, der verzweifelt auf seiner Handfläche zappelt und schließlich zurück in die Schüssel flutscht.

In dem Waisenhaus in der Nähe von Kpalimé, der viertgrößten Stadt Togos, herrscht Mittagsruhe. An einem großen Tisch in der Mitte des Geländes zupft eine Frau grüne Blätter und legt sie in eine Schüssel neben sich. Die breite Steinterrasse um den Tisch ist überdacht, aber an den Seiten offen, in der Ecke befindet sich eine Küche, an der Wand hängt eine Tafel mit Kreidezeichnungen von Kinderhand und auf dem Boden sitzen ein Junge und ein Mädchen, beide etwa fünf Jahre alt. Die Leiterin des Hauses ruht sich gerade aus, sagt man mir, doch wenig später kommt sie aus einem der Zimmer auf dem Hof.

Susanna Salerno ist Italienerin. Die Leute kennen sie nur unter ihrem Vornamen, deswegen will auch ich sie so nennen. Seit 2015 beherbergt sie im „Maison sans Frontières“ Kinder, die keine Familie haben, oder deren Eltern sich nicht um sie kümmern können. Sie sieht jung aus für die Leiterin eines Waisenhauses. Ihre braunen Haare sind kurzgeschoren, und ihren Rücken ziert ein großes Tattoo. Als sie beginnt, ihre Geschichte zu erzählen, kommen die Sätze unaufgeregt, so wie andere vielleicht von ihrem Bachelor erzählen. 2012, mit 23 Jahren, kam sie zum ersten Mal hierher. Sie machte einen dreimonatigen Freiwilligendienst, bei dem sie eigentlich in der Hauptstadt Lomé eingesetzt werden sollte. Dass sie dort Italienischunterricht an einer Schule geben sollte, obwohl die Schüler in ihrem Land von der Sprache nie einen Nutzen haben würden, sah sie nicht ein. Also kam sie in das Dorf Kuma Tsame, das 120 Kilometer weiter nördlich liegt.

Während sie unter Einheimischen lebte, und in einer Organisation arbeitete, die sich um hilfsbedürftige Kinder kümmerte, lernte sie deren Lebensbedingungen kennen. Ein Kind das seine Eltern verliert, wird häufig an seine Großmutter gegeben, die sich um es kümmert. Doch Kinder, die nicht die leiblichen sind, werden zwar ernährt, erfahren aber oft keine liebvolle Zuwendung von ihrer Pflegefamilie. Sie müssen kochen und die Hausarbeit erledigen und nur mit Glück reicht das Geld für eine weitergehende Schulbildung. Kinder, die zwar noch Eltern haben, deren Familien aber am Existenzminimum leben, haben es ähnlich schwer. Die junge Frau beschloss sich der Kinder anzunehmen. Die Ereignisse reihten sich nahtlos aneinander, ohne abzuwarten ergriff sie die Initiative.

Zurück in Italien erhielt Susanna von Freunden und Bekannten viel Unterstützung für ihre Idee. Sie gründete eine Organisation, die sie „Maison sans Frontières“ nannte, Haus ohne Grenzen. In kurzer Zeit organisierte sie mit der Hilfe vieler Unterstützer genügend Spenden, und schon im Oktober 2013 reiste sie nach Togo und kaufte in Kuma Tsame ein Grundstück. Mit jungen Freiwilligen und einigen Einheimischen begann sie, den Platz und die vier Gebäude zu errichten, in denen die Kinder untergebracht werden sollten. Im April 2015 zogen die ersten ein.

Heute sind es vierzehn Kinder, die die meiste Zeit des Jahres hier wohnen. Ostern und Weihnachten verbringen sie bei ihren Familien, oder in Gastfamilien, die Susanna für sie gefunden hat. Ein paar Aufgaben müssen sie auch in ihrem neuen Zuhause übernehmen. Ihre Wäsche waschen sie selbst, im nahegelegenen Bach, wo sie auch die Fische fangen. Für die Küche aber ist eine Haushaltshilfe angestellt, die Susanna bei der Arbeit unterstützt.

Der Junge, der auf der Terrasse sitzt, heißt Espoir, Hoffnung. Er will sofort auf meinen Schoß und zeigt mir, wie man die Teile eines großen Kinderpuzzles seiner Meinung nach richtig zusammensetzt. Für sein Alter spricht er ein ungewöhnlich gutes Französisch. Normalerweise lernen Kinder die Amtssprache ihres Landes erst in der Schule, wo sie im Unterricht ausschließlich gesprochen wird. Dadurch, dass Susanna mit ihren Kindern Französisch spricht, eignen sie es sich sehr früh an. In ihrem späteren Berufsleben wird ihnen das hilfreich sein. Susanna selbst wird von den Kindern Tata genannt, ein Titel, den man sich verdienen muss, und der in der örtlichen Sprache Ewe so viel wie „Mama“ bedeutet. Die Bezeichnung Yovo, mit der alle Weißen in der Stadt zu kämpfen haben, hat sie längst abgelegt.

„Es ist ein einfaches Leben, das wir hier leben“, sagt Susanna, „ein schönes Leben, aber ein einfaches.“ Ein bis zwei Mal im Jahr fliegt sie nach Italien, um ihre eigene Familie zu sehen. Ihre neue Familie will sie aber nicht zu lange allein lassen, nicht bevor sie jemand geeigneten gefunden hat, der sich für längere Zeit um das Heim kümmern kann. Oft kommen junge Freiwillige aus Italien oder Frankreich, wie sie selbst eine war, um für ein paar Wochen hier zu wohnen und das Leben der Kinder mitzugestalten.

Für immer möchte Susanna nicht hierbleiben. Sie liebt es zu reisen, erzählt sie, und beschreibt die Route, die sie gern erkunden möchte, wenn sie für sich selbst ein bisschen Geld gespart hat. Sie führt durch Malaysia, Kambodscha und Laos bis nach Thailand. Losgehen kann es, wenn sie einen Nachfolger für die Leitung des „Maison sans Frontières“ gefunden hat. Es bleiben keine Zweifel daran, dass sie auch dieses Vorhaben umsetzen wird.


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Der kleine Espoir, mit mir auf einem großartigen Kletterfelsen, unten das Maison sans Frontières

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